Gastbeitrag – Die Baubranche erlebt nach jahrelanger schwerer Krise gerade einen Übergang: Die Nachrichten werden zwar nicht mehr schlechter, aber auch noch nicht wirklich besser. Doch bei genauer Betrachtung entpuppt sich gerade dieser Zustand als Grund für Hoffnung. Denn der mühsame Übergang vom freien Fall zum Stillstand markiert in aller Regel den Moment, an dem die Talsohle erreicht ist und ab dem es wieder aufwärtsgeht.
Die Indizien für einen Umschwung sind deutlich belastbarer, als das allgemeine Stimmungsbild vermuten lässt. Das zeigt sich in der aktuellen Ausgabe unseres jährlichen Construction Radar, für den wir die Fundamentaldaten zusammengetragen haben. Eine Auswahl: In den ersten drei Quartalen 2025 stiegen die Auftragseingänge im Wohnungsbau um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Tiefbau legten Auftragseingang, Umsatz und Auftragsbestand zu – letzterer lag im ersten Halbjahr 2025 um fast 15 Prozent über dem Vorjahreswert.
Die Zahl der Baugenehmigungen im Wohnbau wuchs zwischen 2024 und 2025 um sechs Prozent, die veranschlagten Baukosten sogar um rund 14 Prozent. Daraus wird zeitverzögert reales Bauvolumen – ab 2026, mit zunehmender Dynamik ab 2027, auch unterstützt durch die stabilisierten Bauzinsen.
Natürlich reicht keiner dieser Faktoren alleine für den Durchbruch. Aber alles zusammen ergibt ein konsistentes Bild. Das spiegelt sich auch im ifo-Geschäftsklimaindex wider: Er steht zwar noch im negativen Bereich, steigt aber seit Anfang 2025 kontinuierlich an. Die Richtung stimmt also. Als Fazit prognostizieren wir für den Zeitraum 2026 bis 2028 ein mittleres jährliches Marktwachstum von rund zwei Prozent. Die stärksten Impulse gehen dabei vom Tiefbau aus, aber auch der Wohnungsneubau, Haupttreiber der Baukrise, erholt sich. Die Rückkehr auf das Niveau von 2023 erwarten wir für 2027.
Rückenwind durch 500 Milliarden Euro Sondervermögen
Im Vergleich zu früheren zyklischen Erholungen kommt diesmal noch ein kräftiger Schub durch das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) hinzu: Wir schätzen, dass daraus ab 2026 über einen Zeitraum von zehn Jahren 160 bis 210 Milliarden Euro in die Baubranche fließen, davon rund 70 Prozent in den Sektor Tiefbau. In Kombination mit neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen wie dem Standortfördergesetz ist das kein kurzfristiger Konjunkturstrohhalm, sondern ein jahrelanges „Rückenwindprogramm“.
Wer jetzt abwartet, verpasst das Zeitfenster
Bei aller positiven Einschätzung wollen wir nicht verschweigen, dass viele der Unternehmen, die wir für unser Construction Radar 2026 analysiert haben, nach Jahren der Krise mit schwächelnden Umsätzen und Gewinnen kämpfen. Das Gesamtbild ist weiterhin fragil. Umso wichtiger ist es, jetzt zu handeln. Denn wer wartet, bis die Erholung vollständig eingesetzt hat, wird feststellen, dass agilere Wettbewerber bereits Marktanteile gewonnen, Lieferketten neu ausgerichtet und Preissetzungsspielräume zurückerobert haben.
Aus unserer Arbeit mit Unternehmen aus der gesamten Bauindustrie kennen wir sieben zentrale Hebel, an denen es jetzt anzusetzen gilt. Die Bandbreite reicht von einer konsequenten Preis- und Margendisziplin über einen strategischen Ansatz bei der Beschaffung, Portfolioanpassungen und Effizienzsteigerungen im Betrieb bis hin zu einer gezielten Finanzrestrukturierung. Dabei gibt es keine Einheitslösung, die für alle gilt. Welche Hebel für welches Unternehmen die größte Wirkung entfalten, hängt von der konkreten Position in der Wertschöpfungskette ab. Ein Baustoffproduzent braucht eine andere Strategie als ein Projektentwickler oder ein Generalunternehmer.
Was aber alle eint: Der Moment, die Weichen richtig zu stellen, ist jetzt.
Autoren: Dr. Kai-Stefan Schober und Boris Musakov


Dr. Kai-Stefan Schober ist Partner und Boris Musakov ist Project Manager bei Roland Berger. Beide sind Autoren des Roland Berger Construction Radar 2026.