Gastbeitrag – Der Druck auf den Gebäudesektor wächst kontinuierlich. Klimaziele, regulatorische Anforderungen und steigende Energiepreise machen deutlich, dass der Bestand stärker in den Fokus rücken muss. Gebäude sind für einen erheblichen Anteil der CO₂-Emissionen verantwortlich, weshalb ihre Transformation als zentraler Hebel der Energiewende gilt .
In der architektonischen Praxis liegt der Schwerpunkt dabei traditionell auf der Gebäudehülle: Dämmung, Fenster, Dach und Fassaden werden als erste Ansatzpunkte betrachtet. Diese Maßnahmen sind zweifellos wirksam, gleichzeitig aber häufig mit hohen Kosten, langen Planungs- und Umsetzungszeiten sowie erheblichen Eingriffen in die Nutzung verbunden. Gerade bei öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Verwaltungsbauten stellt sich daher zunehmend die Frage, wie energetische Verbesserungen auch unter realen Betriebsbedingungen gering invasiv umgesetzt werden können.
Zwischen Anspruch und Umsetzbarkeit
Die Herausforderung ist bekannt: Viele Bestandsgebäude müssen während der Sanierung weiter genutzt werden. Gleichzeitig sind Projekte in kommunalen Strukturen an Haushaltszyklen, Vergabeverfahren und politische Abstimmungen gebunden.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der auch in der Fachwelt diskutiert wird: Selbst ambitionierte energetische Konzepte erreichen in der Praxis nicht immer die geplante Effizienz. Untersuchungen zeigen, dass Gebäude häufig hinter ihren theoretischen Einsparzielen zurückbleiben. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine differenziertere Betrachtung der energetischen Modernisierung an Bedeutung. Neben den großen, sichtbaren Eingriffen rücken zunehmend auch technische und systemische Ansätze in den Fokus, die im Bestand umsetzbar sind.
Der Blick ins Innere: elektrische Infrastruktur als unterschätzter Faktor
Energetische Qualität entsteht nicht allein durch Architektur und Gebäudehülle. Auch die technischen Systeme im Gebäude selbst beeinflussen die tatsächliche Effizienz im Betrieb. Ein Bereich, der dabei oft wenig Beachtung findet, ist die individuelle Stromqualität im eigenen Niederspannungsnetz.
In vielen Bestandsgebäuden haben sich über Jahre gewachsene Strukturen entwickelt: neue Verbraucher, neue Erzeuger wie Photovoltaikanlagen, digitale Technik, veränderte Lastprofile. Dadurch sind in den letzten Jahren nachweislich Effekte wie erhöhte Spannungsschwankungen, Spannungsspitzen, asymmetrische Phasen-Belastungen oder verschiedene Netzrückwirkungen vermehrt aufgetreten, die nicht nur die Energieeffizienz, sondern auch die elektronischen und elektrischen Endgeräte selbst negativ beeinträchtigen können.
Speziell entwickelte Schaltschränke zur Stabilisierung und Optimierung der elektrischen Infrastruktur setzen genau hier an. Sie zielen darauf ab, die Qualität der Stromversorgung innerhalb von Gebäuden zu verbessern und stromnetzbedingte Verluste zu reduzieren. Im Fokus steht dabei die Frage, wie sich bestehende Elektroanlagen und Endgeräte so betreiben lassen, dass Energie effizienter genutzt und gleichzeitig die Betriebssicherheit erhöht wird.
Gering invasive Eingriffe als strategischer Vorteil
Im Unterschied zu klassischen Sanierungsmaßnahmen greifen diese Lösungen nicht in die Gebäudestruktur selbst ein, sondern setzen innerhalb der bestehenden technischen Infrastruktur an – direkt an der Niederspannungshauptverteilung.
Für Planer und öffentliche Auftraggeber ergibt sich daraus ein strategischer Vorteil: Maßnahmen können umgesetzt werden, ohne tiefgreifende Veränderungen an Nutzung, Raumstruktur oder Gebäudehülle vorzunehmen. Das ist insbesondere dort relevant, wo Gebäude dauerhaft in Betrieb bleiben müssen und bauliche Eingriffe nur eingeschränkt möglich sind.
Gleichzeitig eröffnet dieser Ansatz eine andere Perspektive auf energetische Modernisierung: nicht als einmaliges Großprojekt, sondern als Kombination verschiedener, auch kleinteiliger Maßnahmen, die sich in den Bestand integrieren lassen.
Praxisimpulse aus dem kommunalen Kontext
Dass solche modularen Effizienz-Schaltschränke funktionieren können, zeigen erfolgte Umsetzungen in öffentlichen Gebäuden des Berliner Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. In Schulen wurde dort die Optimierung der elektrischen Infrastruktur im laufenden Betrieb umgesetzt und ausgewertet. Dabei konnten messbare Effekte in der Senkung des Netzstrombezugs festgestellt werden – im Bereich von bis zu niedrigen zweistelligen Prozentpunkten, abhängig von Ausgangssituation und Nutzung.
Diese Ergebnisse sind stets objektspezifisch zu bewerten und lassen sich nicht pauschal übertragen. Sie machen jedoch deutlich, dass auch jenseits klassischer baulicher Maßnahmen zusätzliche Potenziale bestehen können.
Parallel rücken in diesem Zusammenhang auch wirtschaftliche Aspekte stärker in den Fokus: Bestimmte, zertifizierte technische Systeme können in vielen Fällen staatlich gefördert werden und – je nach Ausgangssituation – Stromkosteneinsparungen im Bereich von etwa 7 bis 15 Prozent ermöglichen. Kurze Amortisationszeiten von 2 bis 5 Jahren sind dadurch bei diesen sehr langlebigen Schaltschränken grundsätzlich erreichbar. Diese Werte sind jedoch stets standort- und nutzungsabhängig zu betrachten. Zudem sollte zur Einschätzung von möglichen Einsparpotentialen zu Beginn immer eine Netzqualitätsmessung über 8 bis 10 Tage durchgeführt und die Ergebnisse hieraus von erfahrenen Fachleuten analysiert werden.
Ergänzung statt Paradigmenwechsel
Für die architektonische und planerische Praxis bedeutet das keinen Ersatz, sondern eine Erweiterung des Instrumentariums. Die Gebäudehülle bleibt ein zentraler Baustein der energetischen Optimierung. Gleichzeitig zeigt sich, dass eine rein bauliche Perspektive den tatsächlichen Energieverbrauch im Betrieb nicht vollständig abbildet.
Die Einbindung des lokalen Stromnetzes sowie elektrotechnischer Infrastruktur in die Gesamtstrategie kann dazu beitragen, Effizienzpotenziale früher zu erschließen und Maßnahmen besser aufeinander abzustimmen. Damit verschiebt sich der Blick von der isolierten Einzelmaßnahme hin zu einem integralen Verständnis von Gebäude, Technik und Nutzung.
Fazit
Die Transformation des Gebäudebestands ist eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre. Um sie erfolgreich umzusetzen, braucht es neben großen Sanierungsprojekten auch pragmatische, im Bestand umsetzbare Lösungen.
Die Optimierung der elektrischen Infrastruktur ist ein solcher Ansatz. Sie zeigt, dass energetische Modernisierung nicht zwangsläufig mit den invasivsten Maßnahmen beginnen muss, sondern auch dort ansetzen kann, wo bestehende Systeme bereits heute Effizienzpotenziale bieten.
Gastbeitrag von Stephan Riss

Stephan Riss ist Unternehmens- und Energieberater mit langjähriger Erfahrung in der Erneuerbare-Energien-Branche. Seit 2010 verantwortet er Projekte, Produktentwicklungen und strategische Aufgaben für Hersteller im Bereich Optimierung von Energieinfrastruktur. Heute bringt er seine Expertise in die ESS MODERN AG ein und entwickelt wirtschaftlich tragfähige Energiekonzepte für Unternehmen und Kommunen. Kontakt: www.ess-modern.ch