Basel (abki) – MIDERIs Entwurf für die Zukunft des Kunstmuseum Bern orientiert sich am Prinzip des Zusammenspiels von Alt und Neu. Anstelle eines isolierten Monuments ist die Erweiterung als ruhiges, präzise formuliertes Pendant zum historischen Stettlerbau konzipiert. Sie greift dessen architektonische DNA auf, ohne mit ihm um Dominanz zu konkurrieren.
Der urbane Freiraum
Die Entwurfsstrategie setzt auf die Schaffung einer neuen öffentlichen Piazza. Dafür wird der Baukörper zurückgenommen und ein großzügiger städtischer Freiraum freigestellt. Dieser Raum stellt eine wichtige Verbindung her: Er verknüpft das Straßenniveau Berns physisch und visuell mit der Aare. Die urbane Vernetzung wird damit bewusst höher gewichtet als eine maximale Ausnutzung der Bebauungsfläche.
Der Kulturkosmos
Das Projekt transformiert die Rolle des Museums von einem geschlossenen Aufbewahrungsort zu einem offenen Stadtraum. Das Erdgeschoss ist als „Kulturkosmos“ konzipiert – ein hochgradig durchlässiges, öffentliches Wohnzimmer, das den urbanen Raum tief in das Gebäude hineinzieht. Durch die vertikale Bündelung der Kernfunktionen auf einer kompakten Grundfläche maximiert der Entwurf den frei zugänglichen öffentlichen Raum und gewährleistet zugleich langfristige kuratorische Flexibilität.
Sanfter Radikalismus in Sandstein
Das Projekt verkörpert die Philosophie des „Soft Radical“. Es hört auf den bestehenden Kontext und fügt sich selbstverständlich in ihn ein, schlägt zugleich jedoch eine eigenständige architektonische Hülle aus Sandstein vor. Die Materialität knüpft an die historische Bausubstanz Berns an und formuliert zugleich eine neue bürgerschaftliche Funktion. Der Entwurf orientiert sich am menschlichen Maßstab und zeigt, dass Architektur nicht nur Monumente hervorbringt, sondern Orte.




PROJEKTINFO
Projekt:
Ort:
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Autoren:
Team:
Kunstmuseum Bern. Ausgewählter internationaler Wettbewerb.
Hodlerstrasse 8, 3011 Bern
14.000 m²
80.000.000 CHF
In der engeren Auswahl in der zweiten Phase eines ausgewählten internationalen Wettbewerbs
MIDERI ARCHITEKTEN (Miquel del Río Sanín, Felipe Bermúdez)
Bryum (Landschaft), Aschwanden & Partner (Tragwerk), Anima Engineering (Haustechnik), Senn Technology (Nachhaltigkeit), A&F Brandschutz (Brandschutz), Rapp AG (Verkehr), Schriftform – Isabel Borner (Texte), archsult (Projektmanagement), Studio Storz (Grafikdesign), Lindroos Architects (Museumsberatung), x-Made (Fassade), SBDA (Visualisierungen).




Neue Sätze mit alten Wörtern
„Wir wollten ein Museum der Zukunft mit der DNA des bestehenden Ortes entwerfen. Wir haben die Dimensionen des alten Stettlerbaus, seine Fassadengliederungen und seine symmetrischen Grundrisse aufgegriffen und in eine zeitgenössische architektonische Syntax übersetzt. Das neue Gebäude wirkt, als wäre es schon immer Teil des Ortes gewesen – es schreibt neue Sätze mit alten Wörtern.“
Die Erweiterung tritt gegenüber der Straße zurück und überlässt der Stadt ihren Raum. Dieses städtebauliche Manöver schafft die Piazza – ein bürgerschaftliches Satzzeichen im historischen Gefüge Berns. Obwohl das neue Gebäude selbstbewusst eine eigene architektonische Sprache entwickelt, fungiert es zugleich als Rahmen für den originalen Beaux-Arts-Stettlerbau. Dieser tritt dadurch nach Jahren im Hintergrund wieder als eigenständiges Bauwerk hervor.
Der Kulturkosmos und der Fluss
„Schon sehr früh im Entwurfsprozess haben wir erkannt, dass ein so prominentes öffentliches Gebäude eine soziale Verantwortung trägt. Daraus entstand die Idee der Piazza – ein unerwarteter Raum, der die Institution nach außen öffnet. Sie funktioniert als urbane Plattform, die allen zugänglich ist.“
Der Stettlerbau verkörpert die Geschichte des Museums, während der Neubau als flexibler Raumträger für zeitgenössische Kunst fungiert. Beide Gebäude kommunizieren auf Stadtebene über die Piazza und auf der Ebene der Aare – rund sechs Meter tiefer – über den „Open Air Workshop“. Diese öffentliche Plattform eröffnet direkte Ausblicke auf den Fluss und verbindet Bildungsräume und Anlieferungszonen, die flexibel in Kunstateliers transformiert werden können.
Das ökologische Statement
„Wir müssen aufhören, für die nächsten fünfzehn Minuten auf Instagram zu bauen, und beginnen, für die nächsten zwei Jahrhunderte Geschichte zu entwerfen. Das nachhaltigste Gebäude ist dasjenige, das nicht abgerissen wird. Indem wir den bestehenden Stettlerbau nicht als Hindernis, sondern als Bibliothek architektonischer Lösungen und gespeicherter grauer Energie verstehen, vollziehen wir einen radikalen Akt der Ressourcenschonung. Für den neuen Erweiterungsbau setzen wir auf physische Kompaktheit und strukturelle Logik statt ausschließlich auf angewandte Technologie.“
Der Erhalt bildet den grundlegenden ökologischen Ansatz dieses Projekts und steht im Einklang mit der Verpflichtung, drei Sphären zu dienen: den aktuellen Bedürfnissen der Institution, dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft und der Zukunft des Planeten. Durch die Verlängerung der Lebensdauer bestehender Strukturen bleiben Jahrzehnte an grauer Energie, Materialqualität und historischer Identität erhalten. Der Neubau ist auf Dauerhaftigkeit ausgelegt: Die Verwendung von Holz und lokalem Sandstein reduziert kohlenstoffintensive Materialien und sorgt dafür, dass das Museum nicht als kurzlebiger Trend erscheint, sondern als widerstandsfähiger bürgerschaftlicher Ort mit einer Lebensdauer von bis zu 200 Jahren.
Der Bauch des Wals
„Wir haben die Ausstellungshallen wie den Bauch eines Wals konzipiert: große, zusammenhängende Räume, definiert durch eine raue, freiliegende Holzstruktur, die an die Ingenieurskunst der Brücken der industriellen Revolution erinnert. Diese klassische und ehrliche Bauweise schafft eine warme Atmosphäre und macht oberflächliche Verzierungen überflüssig.“
Die Erweiterung verzichtet bewusst auf hochspezialisierte und starre Grundrisse, die schnell veralten könnten. Stattdessen organisiert sie die Ausstellung als eine Reihe gestapelter, offener Flächen. So bleibt die Architektur anpassungsfähig für zukünftige kuratorische Entwicklungen. Während der historische Stettlerbau eine intime Abfolge kabinettartiger Räume für kleinere Werke bietet, stellt das neue Gebäude den Maßstab für raumgreifende zeitgenössische Installationen bereit. Zur Orientierung erhält jedes Geschoss einen markanten Raum mit gezielten Ausblicken auf die Aare oder die Berner Altstadt.
Quelle: Quelle: MIDERI Architekten · KI-gestützte Textaufbereitung · Redaktion: ArchitekturblattMideri Architekten GmbH