18. März 2026

Interview zum Campus DOK: Wie ein Milliardenprojekt der Bundeswehr-Universität entsteht

Anlässlich der Unterzeichnung des Mehrparteienvertrags für den Campus DOK an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg geben zentrale Projektverantwortliche Einblicke in eines der größten Hochschulbauprojekte Deutschlands. Im Interview beantworten Mahalia Gardner, Projektleiterin Campus DOK, und Donald Appel, Leiter der Bundesbauabteilung Hamburg, Fragen zur Planung, Organisation und Umsetzung der Campusentwicklung.

Zudem spricht Hanno Chef-Hendriks, Geschäftsführer von heinlewischer Partnerschaft freier Architekten mbB und Allianzpartner im Bereich Objektplanung Gebäude, über die Zusammenarbeit im Projekt, die Chancen der integrierten Projektabwicklung (IPA) sowie über architektonische und organisatorische Herausforderungen bei der Realisierung eines modernen und klimaneutralen Campus.

Was macht das Projekt Campus DOK zu einem der größten und komplexesten Bauvorhaben Deutschlands?

Mahalia Gardner: Bei der Campusentwicklung DOK kommen mehrere Aspekte zusammen: Größe, technische Komplexität, viele Stakeholder und hohe Nachhaltigkeitsanforderungen, um nur einige Herausforderungen zu nennen. Auf 205.000 m² – das entspricht einer Fläche von rund 30 Fußballfeldern – entsteht eine umfassende Campusentwicklung für Forschung und Lehre, Infrastruktur und Außenanlagen. Wer über die Liegenschaft der Helmut-Schmidt-Universität geht, spürt sofort die Dimension. Das Projekt geht über ein klassisches Neubauvorhaben weit hinaus: Denkmalgeschützte Gebäude bleiben erhalten, bestehende Strukturen müssen eingebunden beziehungsweise zurückgebaut und moderne Gebäude behutsam integriert werden. Und das alles im laufenden Universitätsbetrieb. Die gewählte, für Deutschland neuartige Projektabwicklungsform IPA (Integrierte Projektabwicklung) mit insgesamt zehn Allianzpartnern, eine Laufzeit von 10 Jahren und Baukosten von ca. einer Milliarde Euro machen das Projekt nicht nur sehr groß, sondern auch organisatorisch und bautechnisch äußerst anspruchsvoll.

Was bedeutet die Unterzeichnung des Mehrparteienvertrags für das Projekt Campus DOK?

Mahalia Gardner: Die Unterzeichnung des Mehrparteienvertrages ist ein wichtiger erster Meilenstein für uns. Nach dem umfangreichen europaweiten Vergabeverfahren gehen wir nun als Bundesbauabteilung zusammen mit neun starken Allianzpartnern in die Planungsphase über. Damit startet das Projekt offiziell als Allianz. Und zwar von Beginn an auf einer partnerschaftlichen Basis, mit geteilter Verantwortung und mit einem Ziel: unser gemeinsamer Projekterfolg.

Wie hilft IPA dabei, im Kosten- und Zeitplan zu bleiben? Was passiert, wenn der Plan nicht eingehalten werden kann?

Mahalia Gardner: Bei unserem gewählten IPA-Modell binden wir alle wichtigen Akteure (Planung, Ausführung und Bundesbau) frühzeitig ein und sorgen für eine enge Verzahnung, so dass Risiken schon in der Planungsphase erkannt und gelöst werden und nicht erst auf der Baustelle. Mit transparenten Prozessen (wie z. B. BIM und Lean-Management), dem Open-Book-Prinzip und einer gemeinsamen Risikobewertung schaffen wir realistische Kosten- und Terminziele. Bei Planabweichungen steht die gemeinsame, lösungsorientierte Projektsteuerung im Sinne des Gesamterfolgs im Vordergrund.

Wie lässt sich der Denkmal- bzw. Ensembleschutz mit den Bestrebungen vereinigen, einen modernen, innovativen Campus zu bauen?

Mahalia Gardner: Denkmalschutz und Innovation schließen sich nicht aus. Wir erhalten denkmalgeschützte Gebäude aus den 70er Jahren als prägende Zeitzeugen moderner Architektur, bauen Anteile zurück und ergänzen zahlreiche Gebäude. Diese müssen heutigen Bauvorschriften, hohen Nachhaltigkeitsstandards und dem Ensembleschutz gerecht werden. Unser Anspruch ist es, flexible und robuste Gebäudestrukturen zu schaffen, die sich an neue Konzepte in Forschung und Lehre sowie auch an veränderte technologische Anforderungen anpassen lassen. Insgesamt möchten wir einen zukunftsfähigen Campus entwickeln, bei dem die architektonische Identität gewahrt wird und gleichzeitig Neubauten harmonisch eingebunden werden.

Was ist das Besondere an IPA und warum hat man sich gegen eine konventionelle Abwicklung entschieden?

Donald Appel: Welche Projektrealisierungsform passt für unser Projekt am besten? Diese Frage hat sich die Bundesbauabteilung zusammen mit dem Bauherrn nach Vorlage des Siegerentwurfes aus dem städtebaulich-, freiraumplanerischen Wettbewerb gestellt. Ein konventionelles Vorgehen mit der Realisierung einzelner Projekte hätte die Potentiale einer integralen, ganzheitlichen Entwicklung nur schwer heben können. Außerdem hätte die Realisierung deutlich länger gedauert. Daher haben wir das Projekt einem Check unterzogen und so geprüft, ob es für das IPA-Verfahren geeignet ist. Dabei wurde deutlich, dass IPA potenzielle Risiken in so einem Großprojekt minimieren kann und deutliche Beschleunigungspotentiale bietet.

Welche Lehren konnten Sie bis jetzt schon aus dem Verfahren rund um IPA ziehen?

Donald Appel: Es hat uns sehr geholfen, früh mit dem Markt in den Dialog zu treten, um das Projekt noch passgenauer aufzusetzen. Es war aber auch eine wichtige Erkenntnis, im europaweiten Vergabeverfahren zu sehen, wo die Grenzen für einzelne Planer und Firmen in der Vertragsgestaltung liegen. Denn IPA ist nicht nur in der Projektabwicklung, sondern auch in der Vertragsgestaltung neu und ermöglicht Freiheiten, auf welche sich manche Firmen nicht einlassen möchten oder können. Ferner haben wir in der sehr komplexen Vorbereitungsphase und im Vergabeverfahren schon mit IPA-Methoden gearbeitet und so unseren sehr sportlichen Zeitplan exakt gehalten.

Welche Bedeutung hat das Projekt Campus DOK für die Stadt Hamburg und bundesweit?

Donald Appel: Die Helmut-Schmidt-Universität ist eine von zwei Bundeswehr-Universitäten. Jeder Offizier muss hier im Rahmen seiner Ausbildung ein Studium absolvieren. Es ist also elementar für die Bundeswehr, die Universität attraktiv, zukunfts- und leistungsfähig zu machen.

Für den Wissenschaftsstandort Hamburg ist die Bundeswehr-Universität im Forschungscluster, aber auch mit den Drittmittelforschungen für die Hamburger Wirtschaft ein Standortfaktor. Hier werden Forschungen auf höchstem Niveau betrieben, sei es im „Luftfahrtcluster Hamburg“, dem Forschungscluster „Biokatalyse“ oder dem Forschungsverbund „Erneuerbare Energien“.

Wie bereiten Sie sich auf etwaige Änderungen im Zeit- und Kostenplan vor?

Donald Appel: Aus anderen IPA-Projekten wissen wir um die Herausforderung, die finalen Zielkosten gemeinsam festzulegen. Hier gibt es auch die Möglichkeit eines Exits für den Auftraggeber, falls es zu keiner Einigung in der Allianz kommt und die Kosten zu hoch sein sollten. Aufgrund der Länge des Bauvorhabens könnten sich unter Umständen auch Änderungen in den Bedarfen der Universität auf die Fertigstellung auswirken. Aber genau hier hat IPA seine Stärken, da man die gesamte Expertise hat, um die Auswirkungen solcher Planungsänderungen schnellstmöglich umfassend bewerten zu können und auf einer soliden Basis eine Entscheidung als Auftraggeber treffen kann.

Welche Erfahrungen haben Sie bereits mit IPA gesammelt?

Hanno Chef-Hendriks: Wir stehen zwar erst am Anfang der IPA-Entwicklung, aber unsere Arbeitsweise ist seit jeher sehr stark auf Kooperation, Kommunikation und gemeinsame Entwicklung der Projekte ausgerichtet. Das rührt auch aus unseren Arbeitsschwerpunkten wie Bauten für Lehre und Forschung sowie für das Gesundheitswesen oder Entwicklungsaufgaben für die Industrie. Denn hier müssen wir sehr komplexe Funktionen und technische Ausstattungen integrieren. Beim IPA-Projekt für den Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen können wir unsere IPA-Kompetenz bereits entwickeln und nachweisen. Meine Position als PMT (Projektmanagement-Team) beim Projekt Campus DOK und als SMT (Senior Management Team) in Langen und die Position von Dr. Alexander Gyalokay als PMT in Langen und SMT beim Projekt Campus DOK unterstützt unseren Dialog zur gegenseitigen Förderung dieser beiden großen IPA-Projekte.

Was erhoffen Sie sich von der engen und langfristigen Zusammenarbeit im Projekt Campus DOK?

Hanno Chef-Hendriks: Am wichtigsten ist ein kooperatives Miteinander, denn die anstehenden Aufgaben können nur gemeinsam in einem integralen Prozess bewältigt werden. Das umfasst die anspruchsvolle Planung, die herausfordernden Prozesse des Bauens, die Baustellenlogistik sowie die Inbetriebnahme und Umzüge. Das Ziel ist, die Realisierung eines Gebäudes bis zur Inbetriebnahme als einen ganzheitlichen Prozess zu verstehen und zu verfolgen. Dabei sollten die Beteiligten nicht Fürstentümer verteidigen und Bedenken pflegen, sondern konstruktiv und initiativ zum gemeinsamen Werk beitragen.

Was ist für Ihr Unternehmen der spannendste Aspekt am Projekt Campus DOK?

Hanno Chef-Hendriks: Die Realisierung eines solch großen, funktional, städtebaulich und auch gestalterisch anspruchsvollen Projektes in einem gut organisierten, flüssigen und stark verdichteten, sehr kompakten Bauprozess wird sehr spannend. Dieser Entwicklungsprozess wird positiven Einfluss auf das zukünftige Baugeschehen haben, auf unsere Arbeit, auf die Entwicklung der Qualifizierung künftiger Persönlichkeiten in der Architektur.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung? Worin die größte Chance?

Hanno Chef-Hendriks: Die Herausforderung liegt in der Größe und Komplexität der Anforderungen bei gleichzeitig kurzem Zeitraum für die bauliche Umsetzung und Inbetriebnahme. Die Chance liegt darin, den Nachweis zu führen, dass es gelingen kann, eine solche Herausforderung kooperativ, konflikt- und störungsfrei zu meistern.

Wie schwer ist die Umstellung von konventionellen Bauprojekten, die häufig mit Nachträgen und Streit um Verantwortlichkeiten einhergehen, auf ein sehr transparentes und kollaboratives Abwicklungsmodell wie IPA?

Hanno Chef-Hendriks: Gar nicht. Wir sind es gewohnt, als Moderatoren zwischen den oft unterschiedlichen, manchmal auch gegensätzlichen Vorstellungen der Beteiligten zu vermitteln. Dazu gehört auch, bei Gegensätzen Lösungswege aufzuzeigen, aber auch sachlich damit umzugehen, wenn einseitige Vorstellungen nicht umsetzbar oder nicht im Sinne des Projekterfolges sind. Ebenso ist die gemeinsame, iterative Entwicklung vergleichbarer Projekte für uns geübte Praxis.

Wie stellen Sie sicher, dass der Lehr- und Forschungsbetrieb trotz der Baumaßnahmen aufrechterhalten werden kann?

Hanno Chef-Hendriks: Das ist primär die Aufgabe einer vorausschauenden Planung. Dabei müssen wir Aspekte der Zugänglichkeit, der Betriebsfähigkeit, der Inbetriebnahmen der neuen Bauabschnitte und Umzüge dezidiert in den Fokus nehmen. Der modulare Charakter der bestehenden Gebäude sowie der städtebaulichen Konzeption der Neubauten unterstützt die abschnittsweise Realisierung und Inbetriebnahme. Das war im Übrigen bereits beim Bau des Bestandes so. Dieser wurde ebenfalls abschnittsweise in mehreren großen Stufen gebaut und in Betrieb genommen. Wir werden durch typologische und sehr systematische Entwicklung der Neubauten zu deren Nutzungsflexibilität beitragen und damit funktionale Entwicklungskonzepte unterstützen.

Mit welchen Maßnahmen tragen Sie dazu bei, den Campus modern und klimaneutral zu gestalten?

Hanno Chef-Hendriks: Modernität bedeutet für uns, zukunftsoffene, flexible Flächenlayouts zu gestalten, die höchste Gestaltungsqualität mit energetischer Optimierung vereinen. Den Weg zur Klimaneutralität gehen wir ganzheitlich. Das reicht von kreislauffähigen Materialien und nachhaltigen Bauweisen bis hin zur Nutzung von Geothermie und Photovoltaik. Ein besonderer Hebel ist dabei der Bestand: Durch innovative Sanierung – etwa isolierte Fassaden und moderne Dämmung – führen wir selbst denkmalgeschützte Gebäude unter Berücksichtigung von Ressourceneffizienz und Recyclingfähigkeit in ein klimaneutrales Zeitalter.