10. März 2026

Grüner Beton, grüner Stahl: Zwischen Innovationsschub und Realitätscheck 

von links): Matthias Howald, Geschäftsführer Holcim Süddeutschland GmbH, Prof. Dr. Lucio Blandini, Partner Werner Sobek AG und Leiter Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) Universität Stuttgart, Tobias Riffel, Vorstandsvorsitzender solid UNIT e.V., Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg, Heinrich Sülzle, Geschäftsführender Gesellschafter SÜLZLE Gruppe, Wiebke Zuschlag, Geschäftsführerin solid UNIT Baden-Württemberg e.V., Thomas Zawalski, Geschäftsführer solid UNIT e.V. © Foto Keidel

Nachhaltiger Beton und emissionsarmer Bewehrungsstahl können den CO₂-Fußabdruck des Bauens deutlich senken – technisch ist das längst möglich. Doch in der Praxis bleiben die Materialien oft die Ausnahme. Warum das so ist und wie der Durchbruch gelingen kann, stand im Mittelpunkt des Spotlights „Ins Machen kommen! Treibhausgasreduzierung in Bewehrungsstahl und Beton“, das vergangene Woche im Werkforum Dotternhausen stattfand. Eingeladen hatten das Netzwerk solid UNIT und dessen Mitglieder Holcim Süddeutschland und die SÜLZLE Gruppe.

Die Veranstaltung brachte Fachleute aus Architektur, Planung, Ingenieurwesen und Industrie zusammen. Ihr gemeinsamer Befund: Die Lösungen sind da, aber der Weg in die breite Anwendung wird durch strukturelle, regulatorische und wirtschaftliche Hürden gebremst.

Politik, Planung und Forschung setzen Impulse

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg, betonte zum Auftakt die Bedeutung klimafreundlicher Baustoffe für die Transformation der Branche: „Die Bauwirtschaft spielt eine Schlüsselrolle auf dem Weg zur Klimaneutralität. Entscheidend ist, dass wir innovative Materialien und Verfahren nicht nur entwickeln, sondern auch in die Breite bringen. Veranstaltungen wie dieses Spotlight leisten dafür einen wichtigen Beitrag.“

Auch Stephan Weber, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer, hob in seinem Grußwort die Verantwortung der Planenden hervor: Nur durch frühzeitige Entscheidungen für CO₂-arme Materialien könne das vorhandene Potenzial tatsächlich genutzt werden.

Wie ressourceneffiziente Konstruktionen und materialreduzierte Bauweisen den CO₂-Fußabdruck von Gebäuden deutlich senken können, zeigte Prof. Dr. Lucio Blandini, Partner der Werner Sobek AG und Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart, in seiner Keynote „Bauen mit Beton: leicht und nachhaltig“.

Im Anschluss präsentierten Vertreterinnen und Vertreter von Holcim und der SÜLZLE Gruppe marktreife Innovationen, die bereits heute zur Verfügung stehen – darunter zementarme Betone und emissionsreduzierter Bewehrungsstahl.

Diskussionen und Workshops: Wo es hakt – und was sich ändern muss

In anschließenden Impulsen und einer Podiumsdiskussion aus Architektur und Ingenieurwesen wurde deutlich, wo es hakt: fehlende Planungssicherheit, unklare regulatorische Vorgaben, zu geringe Nachfrage in Ausschreibungen oder mangelnde Transparenz bei CO₂-Daten. Gleichzeitig formulierten die Teilnehmenden Erwartungen an Politik, Bauherren und die eigene Profession: mehr Mut zu Pilotprojekten, klarere Leitplanken und eine bessere Datenbasis. Deutlich wurde zudem der Bedarf an einer engeren Zusammenarbeit zwischen Planung, Ausführung und Materialherstellern.

Am Nachmittag entwickelten die Teilnehmenden in Workshops konkrete Lösungsansätze. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
Alle Akteure: Verantwortung übernehmen, Menschen überzeugen und konsequent faktenbasiert statt ideologiegetrieben arbeiten
Politik: Wirksame Anreize für den Einsatz nachhaltiger Materialien schaffen
Öffentliche Auftraggeber: Vorreiterrolle einnehmen und klare, ambitionierte Anforderungsziele definieren
Planende: Lebenszyklus und systemische Auswirkungen von Baustoffen und Techniken stärker berücksichtigen; integrale Planung fördern und alle Beteiligten frühzeitig einbinden – etwa über regionale Netzwerke
Ausführende: Offenheit gegenüber neuen Baustoffen und veränderten Anforderungen zeigen
Produkthersteller: Graue Emissionen transparent ausweisen und leicht verständliche Anwendungshinweise bereitstellen

„Wir stehen an einem Punkt, an dem technologische Lösungen schneller vorankommen als ihre Umsetzung auf der Baustelle. Das ist kein Mangel an Innovation, sondern ein strukturelles Problem“, betont Tobias Riffel, Vorstandsvorsitzender vom solid UNIT. „Zwischen Entwicklung und Praxis bestehen Hürden, die wir nur gemeinsam abbauen können: durch verlässliche Rahmenbedingungen, klare Vorgaben und Auftraggeber, die CO₂‑arme Materialien bewusst einfordern. Als solid UNIT bringen wir die relevanten Akteure zusammen und schaffen Orientierung, damit aus guten Lösungen verlässliche Standards werden.“

„Es gibt vielschichtige Herausforderungen auf diesem Planeten. Eine davon ist das begrenzte Vorkommen von Ressourcen. Ressourcen, die wir heute verwenden, wird es in der Zukunft nicht mehr geben. Wir treiben Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft an. Dabei ist unser Credo ‚Besser bauen mit weniger‘“, so Matthias Howald, Geschäftsführer der Holcim Süddeutschland GmbH.

Heinrich Sülzle, geschäftsführender Gesellschafter der SÜLZLE Gruppe: „Völlig klimaneutralen Stahl gibt es derzeit noch nicht. Mit STOOX übernehmen wir heute schon Verantwortung für unsere Kunden, indem wir die klimafreundlichsten Lieferanten auswählen, den CO₂-Fußabdruck unseres Bewehrungsstahls offenlegen und die gesamte Lieferkette transparent machen.“

Quelle: solid UNIT e.V.