München (pm9 – Wie sich Produktionsstätten und Büros mit zeitgemäßen Konstruktionsmethoden realisieren und behutsam in die landschaftliche Umgebung einfügen lassen, zeigt der neue Standort des Unternehmens Sesotec im Bayerischen Wald. Am Rand eines bestehenden Gewerbegebiets im Norden der Marktgemeinde Schönberg errichteten Münchner und Wiener Architekt:innen von Dietrich Untertrifaller – kurz DTFLR – gemeinsam mit MPS ARCHONIC ein Industrie- und Bürogebäude, das auf den Ort reagiert und diesen in den Entwurf einbindet. Dabei kommt auch erstmals eine neuartige, rückbaufähige Holz-Beton-Verbunddecke zum Einsatz, die den Anspruch an einen weitsichtigen Umgang mit Ressourcen unterstreicht.


Vielfache Funktionen in einheitlicher Hülle
Das Unternehmen Sesotec gehört zu den weltweit führenden Entwicklern und Herstellern von Fremdkörperdetektions-, Separations- und Analysesystemen, die beispielsweise in der Lebensmittelbranche Verwendung finden. Die bestehende Firmenzentrale und Produktionsstätte im Gewerbegebiet Saunstein nördlich von Schönberg galt es standortnah zu erweitern. Die Marktgemeinde im Osten Niederbayerns liegt inmitten von Naturschutzgebieten des Bayerischen Waldes. Für das neue Werk 2 wurde ein Areal nördlich des Industriegebiets erschlossen, das bereits für mögliche künftige Neubauten Platz vorhält. Die Werkserweiterung umfasst in dem nun fertiggestellten ersten Bauabschnitt drei Hallen für Fertigung und Montage sowie Flächen für Lagerung und Transport. In das homogene Volumen fügt sich auch ein teils zweigeschossiger Bürotrakt für produktionsnahe Bereiche wie Konstruktion, Planung und Service ein.
Aneignung der bestehenden Geländeform
Der Entwurf geht respektvoll mit der vorhandenen Topografie um und setzt den Baukörper in den Hang. Damit widersetzt er sich der ursprünglichen Vorgabe aus dem Bebauungsplan, das Gelände aufzuschütten. Die Zufahrtswege und das Erschließungskonzept bestimmen die Position der einzelnen Funktionsbereiche. Parallel zum Hang erstrecken sich drei eingeschossige Hallen, je nach Produktionsablauf und Lage mit gestaffelten Höhen von 12 und 9 Metern. Zwischen den Hallen gliedern zweigeschossige, dienende Zonen das Bauvolumen. Im hangseitigen Süden schließt an die Hallen eine Zone zur Wertstofflagerung an. Daneben bietet der von außen nicht einsehbare Hof Platz für Transportlogistik und LKW-Laderampen.
Im Westen erstreckt sich der Büroriegel über die gesamte Breite der drei Hallen und setzt sich samt Hoftor in einer einheitlich gestalteten Linie optisch bis zur Grundstücksgrenze fort. Die durchgehende Fassade im Norden, wo das Gebäude auch repräsentativ erschlossen wird, misst 120 Meter Länge. Das aufgrund der Hanglage im Norden und Westen freigelegte Untergeschoss nimmt die Sozialräume und eine Cafeteria für die Belegschaft sowie die Haustechnik auf. Östlich befinden sich Parkflächen, die in einem folgenden Bauabschnitt für eine mögliche Erweiterung zur Verfügung stehen, ebenso wie ein kleineres Grundstück gegenüber der Nordseite.




Holzbauweise und innovative Deckenelemente im Bürotrakt
Insgesamt 12.080 Quadratmeter Bruttogrundfläche verteilen sich auf den Neubau. Dabei konnte entsprechend der Nutzungsbereiche eine möglichst umweltbewusste und ressourcenschonende Bauweise realisiert werden. Der Gebäudeteil für Büros folgt konsequent nachhaltigen Konstruktionsprinzipien. Die Tragstruktur setzt sich aus Brettschichtholz-Stützen und Holz-Beton-Verbunddecken zusammen. Die vorgefertigten Bauteile sind um Holzrahmenbauelemente ergänzt. Diese werden werkseitig bereits mit einer integrierten Mineralwolldämmung und vormontierten Fenstern gefertigt und on-time geliefert. Lediglich der Sockel und die aussteifenden Kerne sind in Stahlbeton ausgeführt. Durch den effizienten Materialeinsatz, den hohen Vorfertigungsgrad und hohen Anteil an nachwachsenden Rohstoffen wird das Gebäude einem ökologischen, wirtschaftlichen, ressourceneffizienten und zeitökonomischen Anspruch gerecht.
Die hybride Gebäudekonstruktion führte die Brüninghoff Group als Generalübernehmer aus. Dabei kam auch erstmals eine kreislauffähige Holz-Beton-Verbunddecke des Herstellers zum Einsatz. Diese erlaubt aufgrund der Fügung mit reversiblen KVB-Verbindern die sortenreine Trennung von Holz und Beton sowie die spätere Wiederverwendung der Bauteilkomponenten. Die stabile Verbindung der Werkstoffe erfolgt über rückbaubare Schrauben des Herstellers Reisser Schraubtechnik sowie eine optimierte Kerve. Anders als bei bisher gängigen mechanischen Verbindungen oder verklebten Varianten lassen sich die Komponenten einfacher lösen und vollständig recyceln. Damit setzt das Projekt einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und Zirkularität.
Homogene Fassaden- und wertige Innenraumgestaltung
Trotz der unterschiedlichen Nutzungssegmente präsentiert sich der Bau von außen als homogene Einheit. Dunkle Mäanderbleche bilden die äußere Wetterschicht, diese werden von einer Aluminiumkonstruktion getragen. Lange Fensterbänder geben Einblick in das belebte Innenleben und harmonieren mit der allgegenwärtigen Naturlandschaft. Nach Westen ist das oberste Bürogeschoss von einem bündigen, durchgehenden Belichtungsband mit einer äußeren Schicht aus Prallscheiben gekrönt. Der obere Abschluss des darunterliegenden Geschoßes mit dem anliegenden Einfahrtstor zum Ladehof geht in einer konsequenten Linie in den anschließenden Hang über. Ein durchgehendes Fensterband erlaubt den Blick aus der nordseitigen Endfertigungshalle in die Naturlandschaft des Bayerischen Waldes.
Der konstruktive Holzbau ist im Bürotrakt bewusst sichtbar belassen, dadurch entsteht eine warme Atmosphäre. In der zweigeschossigen Eingangslobby lassen sich die Konstruktionselemente über ihre gesamte Höhe betrachten, die markanten Mittelträger aus Holz tragen die Konstruktion selbstbewusst zur Schau. Die unverkleideten Holzelemente erleichtern später auch den Rückbau und entsprechen in ihrer Klarheit und Einfachheit dem industriellen Charakter des Gebäudes. Bei der Gestaltung der Industriehallen standen ebenfalls Arbeitsatmosphäre und Aufenthaltsqualität im Vordergrund. Der Entwurf folgt auch dort dem Konzept neuer Arbeitswelten – ein für den Industriebau ungewöhnlicher Ansatz. Fensterbänder und Oberlichter zur natürlichen Belichtung, Sichtachsen in die Büroetagen und helle Oberflächen ergänzen dort die Gestaltung.
Hallenkonstruktion und Gebäudetechnik
Die drei Hallen sind als Skelettkonstruktion in Stahlbeton ausgeführt. Dabei verbinden sich Betonfertigteil-Stützen im Rastermaß 7,5 Meter als vertikale Tragelemente mit Spannbetonbindern als horizontale Elemente, die teils über eine Weite von bis zu 32 Metern spannen.
Das Dach bietet ausgiebig Fläche für Photovoltaik. Ergänzt um Geothermie kann das Gebäude ohne Energie aus fossilen Rohstoffen betrieben werden. Maßnahmen zur Regenwassernutzung ergänzen das Konzept. Durch die Bauweise mit anteilig nachwachsenden Rohstoffen, moderne bauphysikalische Standards und das fortschrittliche Energiekonzept erhebt der Bauherr das Projekt auf den Status einer „Next Level Factory“. Architektonisch wird es so beispielgebend für einen nachhaltigen, zeitgemäßen Industriebau, der mit Respekt vor der Landschaft agiert.
Quelle: DTFLR