25. Februar 2026

Buwog-Podcast #73: Stadtsoziologin Prof. Blokland – Begegnung im halböffentlichen Raum

Forscht international über Nachbarschaft und Begegnung im halböffentlichen Raum: Stadtsoziologin Prof. Dr. Talja Blokland zu Gast im BUWOG-Podcast. Foto: Emmanuele Contini 05.01.2023, Berlin - Germany: Soziologin Talja Blokland in Berlin am 5. Januar 2023. (Foto: Emmanuele Contini) --- Filename: EC_202301050L1A7606.JPG Keywords: berlin, soziologin, neukoelln, neujhar, meinung, talja blokland [ Model Release: No, Property Release: No ] Copyright: Emmanuele Contini

Anzeige – Das Phänomen Nachbarschaft und der halböffentliche Raum ist Forschungsgegenstand der Wissenschaftlerin Prof. Dr. Talja Blokland. Sie warnt davor, dass die Digitalisierung zu mehr Abschottung führt.

Wer Quartiere oder Wohngebäude neu plant, kann viel richtig machen, damit Menschen nicht nur anonym Tür an Tür leben, sondern so etwas wie Nachbarschaft entsteht. Architektur kann dafür geeignete Räume und Begegnungsbereiche berücksichtigen, damit Menschen sich treffen, interagieren oder nachbarschaftlich aktiv werden. Was aber macht Nachbarschaft heute aus? Und wie verändert die Digitalisierung das Wohnen in Gemeinschaft? Zu diesem Thema forscht die Professorin Dr. Talja Blokland.

Nachbarschaft: Stabilitätsanker für Stadtgesellschaften

Die Expertin ist Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin, am Lehrbereich Stadt- und Regionalsoziologie und Mitglied im Zentrumsrat des Georg-Simmel-Zentrums für Stadtforschung. Derzeit arbeitet Prof. Dr. Talja Blokland im Rahmen eines Opus-Magnum-Projekts der VolkswagenStiftung an einem Buch zu urbanem Vertrauen sowie zu Praktiken des Füreinanders und Nebeneinanders in der Stadt.  Anfang 2026 hat sie den Max-Weber-Lehrstuhl an der New York Unversity übernommen wo sie zunächst bis Ende des akademischen Jahres 2026/27 zu Themen der Europäischen Studien lehren und forschen wird.

Hört man der Expertin zu, wird schnell klar: Nachbarschaft ist eine spannende Art von Kulturtechnik, die man trainieren kann. Auch und gerade dann, wenn es darum geht, Andersartigkeit auszuhalten. Prof. Blokland: „Wenn man sich oft mit Unbekannten austauscht, dann fühlt man sich zugehöriger – und sicherer.“

Nachbarschaft ergibt sich nicht allein aus der räumlichen Nähe, sondern entsteht durch soziale Aushandlung. Prof. Blokland: „Das Einzige, was Nachbarn definiert, ist, dass sie nebeneinander wohnen.“ Nachbarschaft kann eng oder lose sein, eine spontane Form des Kontaktes, ein Nicken, Wiedererkennen oder ein kurzer Austausch im Alltag. „Man muss sich nicht mögen, um Nachbarschaft zu sein“. Aber gerade diese unverbindlichen Beziehungen machen Nachbarschaften stabil, „weil sie wenig Zeit, Emotion oder Verpflichtung erfordern und sich flexibel an unterschiedliche Lebensphasen anpassen lassen.“

Je mehr Zeit die Menschen vor der Tür verbringen, je mehr Leben außerhalb der eigenen Wohnung stattfindet, desto günstiger ist das für Nachbarschaften. Zu halböffentlichen Räumen, die eine wesentliche bauliche Struktur darstellen, zählen etwa Hausflure, Höfe, Spielplätze – aber auch Erdgeschossbereiche im Umfeld wie Kioske, Läden oder andere Treffpunkte in Quartier oder Kiez können solche Funktionen erfüllen.

Gerade beiläufige Kontakte in diesen Räumen sorgen dafür, dass Menschen sich wiederholt sehen, einander wahrnehmen und eine Vertrautheit entwickeln, „ohne sich erklären oder festlegen zu müssen“, so die Wissenschaftlerin im BUWOG-Podcast. Und umgekehrt: Da, wo halböffentliche Räume fehlen, stark reguliert oder funktional überplant sind, wird Nachbarschaft erschwert, ebenso durch hohe Fluktuation und Gentrifizierung. Besonders Menschen mit geringeren finanziellen Ressourcen sind auf solche Orte angewiesen, da sie weniger Ausweichmöglichkeiten haben.

Digitalisierung: Privileg der Abschottung ist ungleich verteilt

Während früher vieles im Alltag den Gang vor die Wohnung erforderte, so ändert sich das derzeit rasant. Die Digitalisierung macht es möglich, sich quasi komplett zu vereinzeln, warnt die Wissenschaftlerin: Denn Arbeit, Einkäufe und soziale Kontakte ließen sich zunehmend ohne physische Begegnung organisieren – per App, Lieferdienst oder online aus dem Home-Office. Aber: Nur dort, wo wir andere Menschen treffen, schulen wir auch die Fähigkeit, „Andersartigkeit von Menschen auszuhalten“, so Blokland im BUWOG-Podcast. Und: Das „Privileg“ zur Vereinzelung haben nicht alle. „Während einige ihren Alltag weitgehend digital gestalten können, sind andere weiterhin auf den öffentlichen Raum angewiesen.“

Begegnungsräume, Plätze für Nachbarschaften schaffen und konsumfreie Räume mitplanen ist damit auch eine Frage von sozialer Nachhaltigkeit. Erkenntnisse aus der Stadtsoziologie und über das Phänomen Nachbarschaft können hilfreich sein, um hier wichtige Weichen rechtzeitig und mit dem richtigen Fokus zu stellen.

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