Berlin (pm) – Die mittelständische Wirtschaft in Deutschland steht weiterhin vor tiefgreifenden strukturellen und transformativen Veränderungen, zeigt jedoch zunehmende Stabilisierungstendenzen. „Gerade der Mittelstand spürt die Herausforderungen sehr deutlich, sieht darin aber auch Chancen. Die Lage hat sich gegenüber dem vergangenen Jahr verbessert. Offenbar ist eine – wenn auch niedrige – Talsohle erreicht, von der erste positive Impulse und eine schrittweise Stabilisierung ausgehen – auch dank des Sondervermögens“, erklärte Michael Gilka, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen e.V. (BVMB), zur aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung. Die realen Bauinvestitionen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen, und auch für das laufende Jahr erwartet die Bundesregierung lediglich ein moderates Wachstum von rund 1 Prozent. Ursachen sind vor allem der Einbruch privatwirtschaftlicher Investitionen und eine anhaltende Investitionsschwäche infolge unzureichender Standortbedingungen. Allein durch kreditfinanzierte staatliche Investitionen lasse sich kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erzielen, solange strukturelle Defizite nicht konsequent behoben werden. Beim Tag der mittelständischen Bauwirtschaft am 26. Januar 2026 in Berlin verwies Gilka zudem auf gravierende Engpässe bei öffentlichen Auftraggebern wie der Autobahn GmbH und der Deutschen Bahn, denen es zunehmend an eigenen Planungskapazitäten mangele. Viele Projekte verharrten daher bereits im „Flaschenhals Planung“. Besonders dramatisch sei die Situation im Wohnungsbau: Instrumente wie der Bau-Turbo seien zwar hilfreich, kämen jedoch zu spät und griffen zu kurz. Das zentrale Problem bleibe, dass sich immer mehr Bauherren das Bauen schlicht nicht mehr leisten könnten.
Verband beklagt überbordende Bürokratie
„Was uns besonders alarmiert: Es findet kein echter Strukturwandel statt“, beschrieb Gilka eine zentrale Sorge des Verbands. „Private Investitionen bleiben aus, weil Unternehmen verunsichert sind. Es fehlt das Vertrauen in die Politik, dass notwendige Reformen tatsächlich und zeitnah kommen.“ Der viel gepriesene „Herbst der Reformen“ sei ausgefallen – stattdessen erlebe man erneut Uneinigkeit in der Bundesregierung. „Es ist nicht die Zeit für Spaltung, es ist die Zeit, in Deutschland gemeinsam die Ärmel hochzukrempeln“, appellierte Gilka. Positiv erlebe der Verband den Bereich des Infrastrukturbaus: „Hier haben wir die Hoffnung auf zusätzliche Nachfrage, aber bei aller Zuversicht dürfen wir die Risiken nicht ausblenden“, so der Hauptgeschäftsführer.
Die großen öffentlichen Auftraggeber hätten ihre eigenen Planungskapazitäten sehr reduziert und müssten dringend mehr Kapazitäten aufbauen. Im Wohnungsbau sieht Gilka die zentralen Ursachen der aktuellen Krise in steigenden Transaktionskosten und überzogenen Standards. In vielen Regionen lasse sich der Mietwohnungsbau wirtschaftlich kaum noch realisieren. Als Gründe nennt er insbesondere hohe Bodenpreise, eine zu restriktive Mietregulierung, kostspielige Finanzierungen sowie das Fehlen wirksamer Förderprogramme.
Entscheiden. Beschleunigen. Bauen.
Ein zentrales Thema beim Tag der mittelständischen Bauwirtschaft war die ausufernde Bürokratie. Zwar habe sich die Bundesregierung Anfang November im Kabinett mit dem Thema befasst und unter anderem die Modernisierungsagenda des Bundes sowie später entsprechende Maßnahmen der Länder beschlossen. In der Praxis seien bei den Bauunternehmen bislang jedoch kaum spürbare Entlastungen angekommen. „Die Realität bleibt ernüchternd“, fasste Gilka zusammen. Langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren bremsten weiterhin den Mittelabfluss – selbst aus den Sondervermögen. Die Gelder seien zwar eingeplant, erreichten aber allzu oft nicht die Baustellen. Als völlig unverständlich kritisierte Gilka zudem das von der SPD geforderte und bereits in der vergangenen Legislatur kontrovers diskutierte Bundestariftreuegesetz. Nach Einschätzung des Verbandsvertreters konterkariert das Vorhaben in eklatanter Weise das erklärte Ziel des Bürokratieabbaus. Unabhängig davon verfehle das Gesetz auch sein zentrales Anliegen, die Tarifbindung zu stärken: Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt vielmehr, dass der erhoffte Effekt ausbleibt. Stattdessen seien negative Begleiterscheinungen zu erwarten, etwa eine rückläufige Teilnahme kleinerer und mittlerer Unternehmen an öffentlichen Ausschreibungen sowie vergleichsweise hohe Tariflöhne, die von diesen Betrieben häufig nicht erwirtschaftet und gezahlt werden könnten. Mit Blick auf die Tariftreuegesetze der Länder lasse sich zudem feststellen, dass die Tarifbindung der Betriebe im Zeitraum von 2009 bis 2024 nahezu flächendeckend zurückgegangen ist – mit Mecklenburg-Vorpommern als einziger Ausnahme.
Quelle: Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen e.V. (BVMB)