Gastbeitrag – Wenn ich an das ehemalige Singer Werk in Wittenberge denke, sehe ich mehr als ein Ensemble historischer Industriebauten. Ich sehe ein Potenzial mit Strahlkraft über die Region hinaus. Einen urbanen Raum, der Stadtentwicklung als Kreislauf begreift. In Material, Energie, Nutzung und sozialer Verantwortung.
Als Architektin habe ich mich mein Berufsleben lang mit der Erneuerung bestehender Bausubstanz beschäftigt. Mit der Aufgabe, Tradition und Innovation zusammenzubringen. Genau darin liegt die Stärke des Veritas Parks. Hier trifft industrielle Erinnerung auf einen Entwurf für das urbane Morgen. Nicht als Geste, sondern als System. Unser Ziel sind keine spektakulären Solitäre. Unser Ziel ist ein Ort, der ökologisch, ökonomisch und kulturell funktioniert.
Denkmalschutz im Dialog mit Kreislaufwirtschaft
Der Ausgangspunkt war eindeutig. Geschichte bewahren, nicht einfrieren. Es geht nicht um Musealisierung, sondern um Transformation. Die Gebäude des ehemaligen Nähmaschinenwerks mit ihrem robusten Skelettbau sind mehr als Zeitzeugen. Sie sind Ressourcen. Ihre Substanz wird nicht ersetzt, sondern neu gelesen und weiterentwickelt. In der Praxis heißt das: vermeiden statt abreißen. Nutzen statt verschwenden. Materialien bleiben dort, wo sie sind. Das ist Kreislaufwirtschaft im Bauen. Der Veritas Park ist dafür ein Reallabor.
Auf rund 16 Hektar entsteht ein CO₂ neutraler Stadtbaustein. Mehr als 100 Bestandsgebäude werden integriert, viele davon denkmalgeschützt. In Phase eins sind bereits 19.000 Quadratmeter Nutzfläche genehmigt. Geplant sind ein Hotel mit 136 Suiten, Büroflächen, Gastronomie und ein Konferenzzentrum. Baubeginn ist Anfang 2026. Erste Teilbereiche öffnen zur Landesgartenschau 2027.
Ein integrativer, lernender Planungsansatz
Architektur ist mehr als Form. Sie ist Organisation. Sie lebt vom Dialog. In der ersten Projektphase arbeiten Expertinnen und Experten aus mehreren Ländern zusammen. Darunter der britische Architekt Alex Sprogis und der italienische Designer Marco Lavit. Gemeinsam entstehen Räume, die flexibel sind und genutzt werden wollen. Wo früher Nähmaschinen gefertigt wurden, entstehen Orte für Arbeit, Gastlichkeit, Forschung und Kultur.
Wichtig ist dabei eines: Die Planung ist nicht abgeschlossen. Sie bleibt bewusst offen. Neue Erkenntnisse, Ideen und Technologien fließen ein. Pläne werden angepasst und weiterentwickelt. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern aus Haltung. Zukunft entsteht nicht im starren Raster, sondern im reflektierten Fortschritt.
Mehr als Architektur. Eine Haltung
Ob Hotel, Co Working Bereich oder Konferenzzentrum: Jeder Baustein des Veritas Parks folgt einer gemeinsamen Überzeugung. Architektur ist ein Beitrag zur Resilienz der Stadtgesellschaft. In Wittenberge zeigt sich: Nachhaltiges Bauen verbraucht nicht nur Ressourcen. Es schafft welche. Materiell, ökologisch und sozial.
Dieses Projekt fordert alle. Die Planenden, die Bauenden, die Nutzenden. Seine Besonderheit liegt nicht nur im historischen Kontext oder in der Größe des Areals. Sie liegt darin, dass nachhaltige Transformation konsequent als städtebauliche Aufgabe verstanden wird.
Denn echte Nachhaltigkeit beginnt dort, wo wir dem Ort zuhören. Und nicht dort, wo wir ihm unsere Vorstellungen aufzwingen wollen.
Gastbeitrag von Andra Schuhmann

Andra Schuhmann beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten mit der Revitalisierung historischer Bausubstanz und entwickelt mit ihrem Team denkmalgeschützte Gebäude zu nachhaltigen, zukunftsfähigen Orten weiter – von der Konzeptentwicklung über Planung und Bauausführung bis hin zu Projektsteuerung, Vermarktung und Betrieb. Zu ihren bekanntesten Projekten zählen Schloss Lanke, die Neuen Saalecker Werkstätten sowie der Veritas Park Wittenberge. Seit 2024 engagiert sie sich zudem in der vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen initiierten Action Group „Integrated Approaches to Dissonant Heritage“.