Köln (pm) – Nach einer Entwurfsplanung von gernot schulz : architektur wurde die Jenaplanschule in Weimar fertiggestellt. An die Stelle eines maroden DDR-Typenbaus treten drei in der Typologie baugleiche Häuser, deren Geschosse unterschiedliche Nutzungen aufnehmen – Lerncluster, Kunst- und Werkbereiche, Naturwissenschaften sowie Zonen für Lehrende. Der Neubau ist das erste gebaute Projekt der Plattform „Schulbau Open Source“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und zugleich das größte Projekt der IBA Thüringen (2012–2023); die maßgeblichen Prozesse und Entscheidungen sind öffentlich dokumentiert und stehen Kommunen, Schulen und Planenden zur Verfügung. Die Jenaplanschule zählt 2025 zu den Preisträger:innen des Deutschen Schulpreises.




Der Weg dorthin wurde von einem konsequent partizipativen Prozess geprägt: 2014 stellte die IBA Thüringen die Weichen; 2016 klärte die Schulgemeinschaft gemeinsam mit Verwaltung und Planenden in einer Phase 0 die Bedarfe. Die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft initiierte und finanzierte diese Phase, moderierte den Beteiligungsprozess und ließ eine Machbarkeitsstudie (Modernisierung vs. Neubau) erarbeiten – Grundlage für die Entscheidung zugunsten der Ersatzneubauten. Bis einschließlich LP 3 unterstützte die Stiftung den Planungsprozess mit einem interdisziplinären Team und führte die Beteiligung in Workshops fort; ab LP 4 lag die Auftraggeberschaft bei der Stadt Weimar. Als partizipatives Multiautorenprojekt geht das Projekt neue Wege in Planungskultur und Urheberschaft: forschendes Entwerfen, kontinuierliche Nutzerbeteiligung und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Im Team wirkten u. a. Hausmann Architektur (LP 1–2), Ingenieurbüro Hausladen und weitere Fachplaner; gernot schulz : architektur zunächst als „critical friend“, anschließend mit LP 2-9 beauftragt.
Heute lernen rund 350 der insgesamt etwa 850 Schüler:innen in drei kompakten Häusern, deren identischer Aufbau die Organisation vereinfacht und spätere Anpassungen erleichtert. Städtebaulich versteht sich der Campus als Ressource für das Quartier. Das Grundstück ist rund um die Uhr öffentlich zugänglich und dient als Park; die Setzung der Baukörper folgt dem maximalen Erhalt des Baumbestands und barrierefreien Verbindungen. Terrassen im Erdgeschoss und umlaufende Balkone in den Obergeschossen erweitern die Lernflächen nach außen, fördern Begegnung und verankern die Schule im Alltag des Viertels. Die kompakten Baukörper fügen sich in den kleinteiligen Kontext, der monochrome Außenauftritt stärkt die Lesbarkeit als öffentliche Institution.
Architektonisch setzt das Büro auf radikale Einfachheit und Low-Tech. Realisiert wurden drei dreigeschossige Skelettbauten aus Beton mit umlaufenden Laubengängen und außenliegenden Stahltreppen; die Erschließung liegt außerhalb der thermischen Hülle. Innen entstehen stützenarme, flexibel anpassbare Grundrisse; Trennungen und Rückzugsorte werden über Holz-Glas-Elemente, eingestellte Holzeinbauten, Vorhänge und Faltelemente organisiert. Unverputzte Kalksandsteinwände, Sichtbeton, offen geführte Installationen und ein reduzierter Ausbau minimieren den Materialeinsatz und vereinfachen künftige Wartungsarbeiten. Querlüftung und überdurchschnittliche Raumhöhen prägen das Innenraumklima, eine mechanische Lüftung ist lediglich in der Mensa vorgesehen.




Die Trapezblechfassaden und vorgestellten Balkone sind einheitlich salbeigrün lackiert; Metallnetze sichern die Balkone und verstärken den Werkstattcharakter. In einer Selbstbauwoche entstanden Einbauten wie Tische, Podeste und Garderoben gemeinsam mit Schüler:innen.
Die Organisation folgt der Jenaplan-Pädagogik: jahrgangsgemischte Stammgruppen, offene Lernlofts, flexibel abtrennbare Zonen für konzentrierte Phasen und gemeinsame Lehrimpulse; die Oberstufe verfügt über ein eigenes Lerncluster. Inklusion ist struktureller Bestandteil – jedes Haus besitzt ein Pflegebad, Lernsituationen sind individuell ausstattbar. Die universelle Struktur bleibt zukunftsoffen und erlaubt perspektivisch andere Nutzungen. Die Freianlagen sind als Lern- und Lebensraum ausgebildet; Wiesen, Spiel- und Aufenthaltsbereiche sowie ein Schulgarten verbinden die Häuser zu einem durchgrünten Campus.
Quelle: gernot schulz : architektur GmbH