19. Oktober 2018

Mehr als ein Märchenkönig

Interview zur Ausstellung „Königsschlösser und Fabriken“ im Architekturmuseum der TU München

Schlösser und Fabriken: Schloss Linderhof (c) Ulrike Myrzik / Architekturmuseum der TU Muenchen

München (pm) – Zur Ausstellung „Königsschlösser und Fabriken – Ludwig II. und die Architektur“ im Architekturmuseum der Technischen Universität München (TUM). Im Interview zeigen Museumsdirektor Prof. Andres Lepik und Kuratorin Dr. Katrin Bäumler, dass die Bautätigkeiten des Hochschulgründers und das Klischee vom weltfremden Märchenkönig neu bewertet werden müssen.

Prof. Lepik, Sie haben die Architektur Ludwigs II. von Bayern als weltberühmt und trotzdem unbekannt beschrieben. Was meinen Sie damit?

Prof. Andres Lepik: Die Königsschlösser sind heute so bekannt, dass Menschen überall auf der Welt wissen, was Neuschwanstein ist. Die meisten anderen Gebäude, die während der Regentschaft Ludwigs II. zwischen 1864 und 1886 in München und ganz Bayern entstanden sind, kennt hingegen kaum jemand: Der Städte- und Wohnungsbau, Kirchen, Bahnhöfe, Synagogen und Brücken. Man sieht auch nicht die hygienischen Fortschritte, die Ludwig II. unterstützt hat. Zum Beispiel hat er nach dem Vorbild von London die Frischwasserversorgung für München verbessert, als er den Bau einer Kanalisation umsetzte. Vor allem auf die unbekannteren Bauten wollen wir in unserer Ausstellung aufmerksam machen.

Warum überstrahlen die Schlösser alles andere?

Lepik: Weil sie von Anfang an ein Mythos waren. Zu Ludwigs Lebzeiten hat sie fast niemand gesehen. Dadurch, dass er seine Schlösser an schwer zugänglichen Orten gebaut hat, zum Beispiel Herrenchiemsee auf einer Insel, waren sie für die Münchnerinnen und Münchner geheimnisvoll. Außerdem erinnerten Ludwigs Schlösser an eine Märchenwelt aus der Vergangenheit: Neuschwanstein verkörpert das Romantische, das Mittelalterliche, das Germanische. Herrenchiemsee ist Versailles nachempfunden und damit ein Versuch, das französische Ancien Régime wieder aufleben zu lassen. Die Schlösser waren schon damals ein Mythos und deshalb wollten alle sie nach Ludwigs Tod sehen. Das hält bis heute an.

Dass Ludwig auch Fabriken baute, war bislang eher unbekannt. Welche Rolle spielte Ludwig II. für Bayerns Industrialisierung?

Lepik: Gerade durch die Bahnanlagen, die er gebaut hat, hat er die Industrialisierung gefördert. In der Ausstellung zeigen wir Brücken und Bahnhöfe. Diese waren wichtig, um den Handel zu beschleunigen, aber auch für die Personenbeförderung, die zu diesem Zeitpunkt losging.

Dr. Katrin Bäumler: Ludwig hat für mehrere Industrieausstellungen das Protektorat übernommen. Er hat ganz gezielt auch kleinere Gewerbe finanziell unterstützt, damit sie daran teilnehmen können. So hat er sich klar für die Industrialisierung eingesetzt. Mit der Industrialisierung kam aber auch die soziale Frage auf – mit der er sich durchaus beschäftig hat.

Kann man Ludwigs Interesse an der sozialen Frage auch in seiner Architektur sehen?

Bäumler: In der Ausstellung zeigen wir, wie unter Ludwig die ersten Arbeitersiedlungen in Bayern entstanden. Hierfür dienten Siedlungen als Vorbild, die er 1868 bei der Weltausstellung in Paris gesehen hatte. Später in seiner Regentschaft konnten Arbeiter sogar Wohnraum kaufen. Dafür erhielten sie einen Kredit.

Das klingt gar nicht nach dem gängigen Klischee vom weltfremden Märchenkönig …

Lepik: Wir wollen mit unserer Ausstellung ganz klar eine Neubewertung in die Öffentlichkeit tragen. Das Material, das wir zusammengestellt haben, macht sichtbar, dass Ludwigs Bautätigkeit bisher nicht in vollem Umfang erforscht und präsentiert wurde. Da gibt es eben viel mehr als die Königsschlösser, die bisher so dominieren. Über viele der Architekten, mit denen Ludwig zusammengearbeitet hat, und auch zum Wohnungsbau in München existieren noch gar keine wissenschaftlichen Arbeiten. Hier tun sich viele Felder für zukünftige Forschung auf.

Die Vorgänger von Ludwig II. werden in der Architekturgeschichte viel mehr beachtet, sie gelten als die großen Gestalter Münchens. Steht er in ihrem Schatten?

Lepik: Ludwig II. versuchte nicht, wie sein Vater oder sein Großvater, ganze Stile zu prägen oder ganze Stadtquartiere zu entwickeln. Ludwig I. wollte München ja zu einem neuen Athen machen, Isar-Athen. Aber in unserer Ausstellung sieht man, dass Ludwig II. vom gesamten Bauvolumen in der Stadt kaum weniger realisiert hat als seine Vorgänger.

Bäumler: Er war, wie Ludwig I. und Maximilian II., die höchste Instanz der Obersten Baubehörde. Alle öffentlichen Bauten mussten von ihm genehmigt werden. Zum Beispiel das Neue Rathaus, die Akademie der Bildenden Künste und die Neue Polytechnische Schule, die heutige TU München, wurden unter Ludwig II. gebaut. Beim Nordfriedhof hat er jedes Detail bestimmt. Das größte Bauvolumen seiner Zeit machen aber die Mietshäuser aus. Damit nahm er auf jeden Fall Einfluss auf die Gestaltung der Stadt. Ludwig bebaute Gebiete, die vorher brachlagen. Deshalb mussten Straßen geplant werden, was enorm wichtig für die städtebauliche Entwicklung war.

Wie prägt Ludwigs Rolle als Gründer der TUM Ihre Ausstellung?

Lepik: Obwohl heute nur noch wenige Gebäudeteile der TU erhalten sind, die aus dieser Zeit stammen, spüren wir eine starke Bindung zu diesem königlichen Gründer. Unser Vorhaben war, ihn zum 150-jährigen Jubiläum der TUM nochmal neu zu betrachten. Deshalb ist es uns wichtig, auch sein technisches Interesse zu zeigen, das die Universität bis heute prägt. Beim Bau seiner Schlösser wollte er alle Techniken anwenden, die die Zeit zu bieten hatte, um alle damals bekannten Annehmlichkeiten umzusetzen.

Bäumler: Außerdem hat Ludwig der Neuen Polytechnischen Schule zu ihrer Gründung ein Konvolut an Plänen geschenkt, darunter auch Zeichnungen von Gottfried Semper für das für München geplante Richard-Wagner-Festspielhaus. Damit hat Ludwig den Grundstein für die heutige Sammlung des Architekturmuseums gelegt. Viele der originalen Zeichnungen sowie Pläne und Modelle, die wir in der Ausstellung zeigen, stammen aus dieser Sammlung.

Was wollen Sie mit Ihrer Ausstellung erreichen?

Bäumler: Dass sie eine Anregung dazu gibt, sich weiter, auch wissenschaftlich, mit Ludwigs Bautätigkeit auseinander zu setzen.

Lepik: Ich wünsche mir, dass Besucherinnen und Besucher sowohl viele Bauten in München als auch den sogenannten Märchenkönig danach mit anderen Augen sehen.

Pressemitteilung: Technische Universität München