23. Oktober 2018

Die Städte der Zukunft

Lamia Messari-Becker ist Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Uni Siegen und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Sie berät die Bundesregierung in Fragen des Bauens und der Stadtentwicklung. Bildnachweis: Enrico Santifaller

Siegen (pm) – Wie müssen wir bauen, um unsere Städte künftig vor dem Klimawandel zu schützen? Und was muss passieren, damit das Wohnen in den Städten wieder bezahlbar wird? Professorin Lamia Messari-Becker von der Universität Siegen gibt Antworten darauf.

Wohnungsnot, Landflucht, Klimawandel – extreme Hitze und Überflutungen drohen in Zukunft häufiger. Wie sollten die Städte von morgen aussehen, um für diese Gefahren gewappnet zu sein? „Mit klugem Bauen können wir viel erreichen“, sagt Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Uni Siegen. Kluges Bauen – das bedeutet für Messari-Becker vor allem Nachhaltigkeit, eine Art Haltbarkeit unseres Tuns auf verschiedenen Ebenen. Bezogen auf Materialien, Fläche, Energie usw. hängt das in der Praxis mit ressourceneffizientem und schadstoffminimiertem Bau zusammen. Ein Bauwerk ist laut Messari-Becker nur nachhaltig, wenn es seiner sozio-kulturellen Funktion gerecht wird, also lange und gerne genutzt wird. Doch eine Ansammlung nachhaltiger Gebäude mache noch kein nachhaltiges Stadtquartier aus. Dazu gehörten eine gute Infrastruktur, qualitätsvolle Außenräume und moderne Mobilität. Am Ende sei eine Stadt nur dann nachhaltig, wenn sie ihre ökonomische Wettbewerbsfähigkeit mit hoher Lebensqualität für ihre Bewohner und Nutzer und sozialer Stabilität dauerhaft verbinden kann.

Weltweit entfallen etwa 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs und Abfallsaufkommens sowie 40 Prozent des CO2-Ausstoßes aufs Bauen.  In den Städten konzentriert sich zudem mehr als 75% des Ressourcenverbrauchs. „Hoch- und Städtebau können Klimaschutz bedeuten, wenn wir die Hausaufgaben richtig angehen“, sagt Messari-Becker. Das Problem: Noch immer sähe die Politik beim Umwelt- und Klimaschutz vor allem das Thema Energie. „Bauen und Stadtentwicklung sind aber keine Nebenschauplätze. Die Politik muss das Thema strategischer angehen“, fordert die Bauingenieurin, und hilft mit. Messari-Becker ist Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen und berät die Bundesregierung in Fragen des Bauens und der Stadtentwicklung. Wie die Städte der Zukunft aussehen können, beleuchtet das ZDF in seiner Dokumentation planet e mit Prof. Messari-Becker am 12. August.

Schon heute ist es in Innenstädten im Sommer oft fünf bis acht Grad wärmer als im grünen Umland. Der Grund: Durch zu viel Flächenversiegelung, unzureichend Grünflächen und nicht selten zugebauten Lüftungsschneisen wird eine Kühlung erschwert, die Hitze staut sich auf. Man spricht von den sogenannten Hitzeinseleffekten. „Wir haben dieses Problem viel zu lange vernachlässigt und mehr versiegelt als nötig gewesen wäre“, sagt Messari-Becker. Vor allem im Hochsommer bringt das Probleme mit sich, wie etwa gesundheitliche Probleme für Menschen mit Beeinträchtigungen und einen erhöhten Energieverbrauch für Raumklimatisierung. In einigen deutschen Städten gehen Verantwortliche jetzt neue Wege – mit Dachgärten, begrünten Fassaden oder neu gepflanzten Bäumen. Die grünen Flächen kühlen nicht nur die Luft ab, sondern binden auch Feinstaub. „Kluge Stadtplanung kann die Lebensqualität entscheidend verbessern“, sagt Messari-Becker. „Voraussetzung dafür ist, dass wir beim Umbau und der Modernisierung unserer Städte die Menschen stärker in den Mittelpunkt stellen. Die Städte Hamburg und Essen gehen da mit gutem Beispiel voran.“

Nicht nur der Umweltschutz, sondern auch der bezahlbare Wohnraum spielen für sozial-stabile Städte eine große Rolle. „Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit schlechthin“, sagt Messari-Becker. Mitten im Frankfurter Bankenviertel entstehen neue Wohnhochhäuser. Ein Trend in vielen Metropolen dieser Welt: Wohnhochhäuser versiegeln wenig Fläche und schaffen den benötigten Raum in der Höhe. Die Stadtverwaltung hat den Bauherren zudem verpflichtet, 30 Prozent geförderten Wohnraum zu schaffen – damit auch MieterInnen mit geringem Einkommen eine Chance auf eine attraktive Wohnung haben. Andere Bauherren zeigen, dass Energyplus-Gebäude inklusive integrierter elektro-Mobilität möglich sind. Doch das ist nur einer von vielen Aspekten des nachhaltigen Bauens: „Wir müssen die Beziehung zwischen Stadt und Land völlig neu denken“, fordert Lamia Messari-Becker. Denn die Städte stoßen mehr und mehr an ihre sozialen und ökologischen Grenzen. Umso mehr brauche es eine gestärkte Infrastruktur im ländlichen Raum: „Ein günstiges Grundstück alleine wird kaum jemanden dazu bewegen, ins Dorf zu ziehen. Dazu müssen weitere Faktoren stimmen: Arbeitsplätze, schnelles Internet, Mobilität. Diese erleichtern den Menschen das Leben im ländlichen Raum und machen es dadurch für sie attraktiver. Der Abbau der Kluft zwischen Stadt und Land ist eine große gesamtgesellschaftliche, wirtschafts- und sozialpolitische Aufgabe. Die Folgen dieser Kluft sind nämlich vielfältiger und reichen bis hin zum Vertrauensverlust in die Politik.“

Pressemitteilung: Universität Siegen