7. Dezember 2019

Das Aus für Innenstädte? „retail in transition“ zeigt neue Perspektiven für alten Handel

Der neue lab report des Architekturbüros caspar. zeigt Wege aus der Handelsmisere. Für mehr Leben in den Innenstädten präsentiert er das Beste aus allen Welten: Chancen und Perspektiven für den „Handel im Wandel“.

Der neue lab report des Architekturbüros "caspar." zeigt Wege aus der Handelsmisere. Für mehr Leben in den Innenstädten präsentiert er das Beste aus allen Welten: Chancen und Perspektiven für den „Handel im Wandel“. Die Zeil in Frankfurt. Illustration: caspar.

Köln (pm) – Einkaufen, Arbeiten, Leben, Genießen und alles auf sinnvolle Art miteinander zu verbinden. Das ist die Chance des Handels gegen die Online-Übermacht, das Rezept gegen die Monotonisierung der Stadt, so Caspar Schmitz-Morkramer. Der Glaube an die Renaissance der Europäischen Stadt hat sein Büro caspar. intensiv beschäftigt und vor zwei Jahren die eigene ForschungsTeam caspar.esearch gründen lassen, die gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern zum Thema arbeitete. Das Ziel: die Diskussion anzuregen, wie man Städte und öffentliche Räume für die Zukunft und die Bedürfnisse des Menschen planen kann.

Einkaufstraßen – monoton und austauschbar

Gegen das einfältige Erscheinungsbild von Einkaufstraßen steht die Individualität von Städten, wie wir sie beispielsweise aus Italien kennen: traditionelle Hutmacher, Schuster, Pasta-Hersteller, die Luca oder Siena bevölkern. Es duftet aus den Espresso-Bars, dazu locken Dolcis. Ein heiterer Lebensstil. Der Blick auf deutsche Fußgängerzonen zeigt dagegen Tristesse: globale Franchiseunternehmen, die die Städte austauschbar machen.

Online-Übermacht

Nur zwei von 1000 Online-Händlern in Deutschland haben physische Läden. Marken wie mymuesli investieren in Standorte, andere Online-Firmen versuchen mit kreativen Ideen neue Kunden an ihre stationären Shops zu binden. So investieren gerade jene, die für den Weggang der traditionellen Geschäfte gesorgt haben wieder in physische Ladenkonzepte. „Fest steht, dass die Städte der Zukunft mehr als diese Konzepte brauchen“, so Caspar Schmitz-Morkramer. Für ihn ist das Fazit, dass sich die Städte wieder mit den ureigenen Bedürfnissen der Bewohner verbinden müssen.

Es lebe das Erlebnis! Aber nicht der Plunder in den Schränken

Die Gesellschaft von heute liebt das Erlebnis rund ums Einkaufen, weniger das Einkaufen selbst. Kaffee trinken, eine Ausstellung ansehen, ins Theater gehen – dafür steht Stadt. Die Ökonomie selbst hat diesen Trend gefiltert und spricht von einer „experience economy“.
Erlebnis gegen Konsum. Schon jetzt prognostiziert die Gastronomie, dass es in Städten zukünftig nicht mehr ums Einkaufen, sondern ums Essen geht – bei den günstigen Preisen pro Gericht koche keiner mehr selbst.

Die Zukunft der Städte – eine große Gastro-Meile?

Gastronomie ist auch für Susanne Botschen, Gründerin des Luxus-Fashion-Online-Shops mytheresa eines der Zugpferde. „Dieses relevante Thema kann man überall finden, ob in London und New York, leider aber nicht in Deutschland“, sagt sie. „Hier gibt es eine riesige Chance, beispielsweise eine Kleinigkeit zu essen, ein Wrap, Ramen oder eine Bowl. Normalerweise werden diese Läden von jungen Leuten betrieben, aber die können sich die hohen Innenstadtmieten nicht leisten.“

Mehr Erlebnis, mehr Besucher für die Stadt

Ist etwa schon alles da, muss die Stadt gar nicht neu erfunden werden? Angesagte Viertel in Kopenhagen, Mailand oder der Prenzlauer Berg machen es vor: kleine Designläden, Straßencafés, besondere Labels – da ist was los, es interessiert. Darüber wird gewohnt, in Hinterhöfen gearbeitet, Fahrradwerkstätten, Programmkinos und Kinderbetreuung betrieben. Ein kleiner Mikrokosmos, der aufs Große projiziert werden kann.

Diese lebhafte Welt allerdings wird nicht von großen Marken betrieben, sondern von Individualisten, die keine kostspieligen Mieten zahlen können, aber Stadt lebbar und erlebnisreich machen.

Ist also mit Stadt im Sinne großer Investoren überhaupt Geld zu verdienen?

Wäre Stadt rettbar, durch Subventionen wie sie in Kultur und Bildung geläufig sind, um all die kleinen, liebenswerten Manufakturen, alternativen Theater, Cafés, Blumenläden und Designshops in Städten eine Plattform zu bieten?

Gerade hier wären neue Verbindungen und Denkansätze gefragt, wie sie caspar. eröffnet: Bevor wir eine Verwaisung der Städte zulassen, könnten wir neues Leben Einzug halten lassen. In den Laufzonen wird aufgrund der Nachfrage an Geschäfte vermietet, dafür wird „oben“ durch qualitätvolles Wohnen und Arbeiten subventioniert. Etablierte Marken könnten daneben ganzheitliche Erlebnisse bieten, wie John Cloppenburg es formuliert.

Natürlich hätte die Gastronomie auch ihren Platz. Und die läuft mit besonderen Konzepten schon jetzt. caspar. verweist auf die „hybrid hubs“. Riesige Food-Hallen wie bei „Eataly“ in München, Bari oder Kopenhagen. Unter einem Dach finden sich Bars, Cafeterien, Märkte, Kochschulen, Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene, Restaurants, Weinkammern – ein abgerundetes gastronomisches Konzept.

„Wie denken wir uns nun die Zukunft der Städte?“, fragte sich caspar.esearch

Einen Teil der Produktion könnte man in die Städte verlegen. Warum nicht Gemüse- und Kräuteranbau für die Gastronomie auf leeren Parkausdächern ansiedeln, wie es in Rotterdam oder Montreal geschieht? Fassaden horizontal und vertikal mit essbaren Kräutern begrünen. Parkhäuser neu deklarieren, wenn die Anreise in die Städte per Uber-Car oder Elektrobusse erfolgt und somit die Innenstädte autofrei werden? Parkhäuser werden zu Hotels, Bühnen, Produktionsstätten.

Dazu werden Pop-Up-Flächen deklariert. „Pop Ups“ sind Läden, die aus der Erde sprießen. Flexibel in Laufzeit, temporär in der Anmietung. Entstehen können sie dort, wo Platz ist – im Kaufhaus, Friseursalon, in der Eisdiele oder im trostlosen Leerstands-Land.

Auch etablierte Marken spielen weiter mit. Sie brauchen physische Läden, um dem Kunden sensorische Erlebnisse zu bieten. Riechen, Fühlen, Schmecken. Ob für Parfüm, Kleidung oder Feinkost – von ihrer realen Präsenz leiten sie heute schon die meisten Kunden zum Online-Vertrieb. Man spricht vom Omni-Channel-Effekt.

Lernen von den Anderen

Fashion-Designerin Rebecca Minkoff in New York – eine Pionierin für kluge Vermarktung hochwertiger Kleidung – geht mit inspirierendem Beispiel voran: mit eigenen Stil- und Fashion-Experten vor Ort und einer Wellness-Erfrischung im Laden. So macht Einkaufen Spaß und könnte den nächsten Ladenhüter im Kleiderschrank vermeiden. Der Store als Marken-Kanal funkt auf vielen Ebenen: Nike beispielhaft mit einem Basketballplatz, Laufbändern oder Produktion. Schuhersteller Ecco vermisst gleich vor Ort die Kundenfüße und stellt daraufhin einen individuellen Schuh her. Hier wird gehäkelt, dort gestrickt oder farbige Brillengestelle entworfen – die großen Marken geben sich die Attitüde kleiner Manufakturen. Dem Gedanken der Europäischen Stadt folgend, wer überleben will, denkt Groß im Kleinen.

Wohnen mit den anderen

Bliebe, die Stadt auch abends nicht verwaisen zu lassen, keine Geisterstädte auszubilden. Hier sind Mikro-Appartements oder Co-Housing-Konzepte, wie man sie aus den New York oder Zürich kennt, zu denken. Auch altersgerechtes Wohnen und Studenten-Gemeinschaften gehören dazu. Ein bunt gemischter Kosmos, der Beton in vielfältiges Leben verwandelt und den reinen Konsum zu dem macht, was er ist: ein Zulieferer, aber kein Glückslieferant.

Fazit:

Caspar Schmitz-Morkramer denkt die Stadt mit alten Werten, aber neuen Ideen. Keine Utopien, sondern fassbare, naheliegende Lösungen, die er weltweit gesammelt und ausgewertet hat – von Shanghai über New York bis Berlin. Für die Stadt der Zukunft gilt: Jeder hat alles gesehen. Führen wir es klug zusammen, kann eine menschlichere, lebbarere, ökologischere Stadt entstehen. Wo die Bienen wieder summen, Insekten statt der Drohnen fliegen, die Pop Up Stores mit Handwerk und Cafés blühen und es nach echtem Essen duftet. Sie erinnern sich? Ja, es ist die Reminiszenz der Europäischen Stadt.

Pressemitteilung: caspar.