26. September 2020

Brücken bauen zwischen Theorie und Praxis

Während des Architekturstudiums schon Projekte für die Realität planen? Beim Lehrstuhl für Tragkonstruktion der Universität Siegen ist das möglich.

Schon im Studium für die Realität planen: Der Entwurf einer Radwanderbrücke über die Lahn von Nicole Gerlach und Vanessa True. (c) Katja Wirfler

Siegen (pm) – Heute eine Radwanderbrücke für die Stadt Bad Laasphe, morgen ein futuristisches Modell, das nur durch Stäbe und Seile getragen wird: Wer an der Universität Siegen Architektur studiert, lernt die Baukunst in all ihren Facetten theoretisch und in der Praxis kennen. Dazu trägt unter anderem der Lehrstuhl für Tragkonstruktion um Inhaber Prof. Dr. Thorsten Weimar bei. Hier stehen in Forschung und Lehre jene Bauteile und Baustoffe im Mittelpunkt, die tragend und letztendlich für die Standsicherheit eines Bauwerks zuständig sind. „Das Tragwerk ist die Verknüpfung zwischen Architektur und Ingenieurwesen. Dementsprechend arbeiten bei uns am Lehrstuhl traditionell Architekten und Ingenieure interdisziplinär zusammen“, nennt Prof. Weimar eine Besonderheit in der Architektur an der Universität Siegen. Diese Kooperation ist vor allem mit Blick in die Zukunft von Bedeutung. Die Studierenden sollen später in der Praxis in der Lage sein, auch die „Sprache“ der Bauingenieure zu beherrschen.

Überhaupt nimmt der Bezug zur Praxis im Studium – egal ob Bachelor oder Master – eine besondere Rolle ein. Immer wieder erreichen Prof. Weimar und seine MitarbeiterInnen vielfältige Anfragen aus der Region, ob die Studierenden kleinere Entwürfe für konkrete Bauaufgaben liefern könnten. „Wir bieten allerdings nicht die Leistungen eines Architekturbüros an, können aber als Impuls- und Ideengeber unterstützen. Für die Studierenden sind solche Projekte selbstverständlich eine tolle Bereicherung.“ Jüngstes Beispiel für die Umsetzung des Gelernten war ein Wettbewerb der Stadt Bad Laasphe. Die Wittgensteiner Kommune suchte Anregungen für den Bau einer Radwanderbrücke über die Lahn und lobte dafür Preise für die Studierenden aus.

In anderen Projekten entwarfen die Siegener Architektur-Studierenden auch schon Brücken für das neue Siegufer oder Aussichtstürme für Wanderer am Jagdberg oberhalb von Hainchen. In der Regel bleibt es bei Modellen, manchmal entsteht aber aus den Arbeiten auch mehr. Der studentische Entwurf eines Schutzbaus für die Ausgrabungsstätte Gerhardsseifen in Niederschelden wurde in leicht modifizierter Form umgesetzt. „Das zeigt, wie sinnvoll die Verzahnung von Theorie und Praxis ist“, so Prof. Weimar. „Außerdem entstehen durch die Zusammenarbeit mit Partnern in der Region viele Synergieeffekte.“

In der Theorie werden während des Studiums am Lehrstuhl für Tragkonstruktion die Grundlagen der Tragwerklehre, das eigenständige Entwerfen von Tragwerken und der Umgang mit bereits bestehenden Tragwerken vermittelt. Da Architektur am Ende durch das Zusammenspiel aus Gestaltung und Konstruktion entsteht sowie um die Vielfalt der Baukunst aufzuzeigen, gehört zum Lehrinhalt auch das Konstruieren eher ungewöhnlicher Modelle. „Tensegrity“ beispielsweise bezeichnet ein Tragsystem, das nur aus Stäben und Seilen besteht, aber dennoch stabil ist. „Es geht darum, den Horizont zu erweitern“, erklärt Prof. Weimar. Deshalb sind auch Exkursionen, die schon nach Spanien, Kuba oder Indien führten, ein wesentlicher Bestandteil des Studienangebots am Lehrstuhl für Tragkonstruktion. „Es ist wichtig, in eine andere Welt einzutauchen und sich die Architektur vor Ort anzuschauen, um sich daran zu orientieren und einen erweiterten Wissensstand aufzubauen.“

Einen Einblick in die Arbeiten der Studierenden liefert die neue Schriftenreihe Tragkonstruktion, die im Universitätsverlag universi erschienen ist. Der erste Band widmet sich dem Thema der „Beweglichen Tragwerke“.

Pressemitteilung: Universität Siegen