17. Juni 2019

Architektur und Stadtentwicklung – zwischen Konvention und Vision

25. Brillux Architektenforum in Berlin

Zum 25. Jubiläum des Brillux Architektenfo-rums kamen über 500 Teilnehmer im Berliner Gasometer zusammen und wagten gemein-sam einen Blick in die Zukunft der Architektur und Stadtentwicklung (c) Brillux / Behrendt und Rausch

Berlin (pm) – Zum 25. Architektenforum hatte Brillux Ende Mai erneut nach Berlin eingeladen, um in der Stadt mit lebhafter Gegenwart und bewegter Vergangenheit Zukunftsfragen zum Thema Planen und Bauen von Morgen zu diskutieren. Der denkmalgeschützte Gasometer auf dem EUREF-Campus war Location und zugleich Gegenstand der Jubiläumsveranstaltung, die mit rund 550 Teilnehmern eine überwältigende Resonanz bei Planern und Architekten gefunden hatte. Neun fachkundig geführte Architekturexkursionen boten Einblicke in architektonisch eindrucksvolle Gebäude und Stadtentwicklungsprojekte rund um Berlin.

Die Architektenforen von Brillux haben sich über die Zeit als anerkannte Dialogplattformen bei Planern und Architekten etabliert. Ein- bis zweimal im Jahr bieten sie in wechselnden Städten anregende Architekturdebatten zu aktuellen wie brisanten Themen und Herausforderungen. Ergänzt werden die Foren von Thementouren, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern exklusive Einblicke in architektonisch eindrucksvolle Gebäude- und Stadtentwicklungsprojekte ermöglichen.

So auch bei der Jubiläumsveranstaltung, bei der sich – unter der Moderation von Burkhard Fröhlich, ehemaliger Chefredakteur der Deutschen Bauzeitschrift – die Referenten einer neuen Architektengeneration mit den architektonischen Herausforderungen im Kontext von Klimawandel und Umwelt, gesellschaftlicher Strukturveränderung sowie sozialer Wohnqualität und Mobilität auseinandersetzten.

Raum für Zukunftsvisionen

In der transparenten Kuppel des denkmalgeschützten Gasometers hatte die Jubiläumsveranstaltung nicht nur eine Location, sondern zugleich eine Zukunftsplattform gefunden: „Der Berliner Gasometer ist nicht nur seit der Talkshow von Günther Jauch ein stadtbekanntes Wahrzeichen. Er ist auch ein Symbol und Impulsgeber, dass Energiewende mach- und finanzierbar ist“, erzählt Reinhard Müller, Vorstandsvorsitzender der EUREF AG sowie selbst Architekt und Stadtentwickler, der in Düsseldorf einen weiteren grünen Campus mit dem Forschungsschwerpunkt „Mobilität der Zukunft“ und der originalen Gasometer-Kuppel aus Berlin plant.

Paradoxie der Architektur

Als international gefragter Keynote-Speaker führte der Münchner Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi, wie schon beim Architektenforum 2012 in Berlin, unterhaltsam und fundiert in die Zukunftsthematik ein. Er richtete den Blick auf das Phänomen Zukunft, für die wir – so Nassehi – planen und bauen, ohne sie zu kennen: „Zukunft ist stets eine Funktion der Gegenwart. Insofern kann Zukunft nie beginnen, obwohl sie stets begonnen werden muss. Gerade deshalb muss sie gestaltet werden.“ Amüsant beschrieb er die Paradoxie der Architektur, die darin besteht, dass das Entworfene und Geplante prinzipiell tatsächlich gebaut wird und Architektur damit Spuren hinterlässt. „Der Architekt bleibt so, ob er will oder nicht, ein Garant von Stabilität und Fortschritt“, so Nassehi.

Effizienz und Schönheit

Wie Gebäude und Bauen der Zukunft effizienter und dennoch schön gestaltet werden können, war das Thema von Jan Musikowski (RICHTER MUSIKOWSKI, Berlin). Ein spannendes und extrem ergiebiges Projekt dazu ist das von dem jungen Berliner Architekturatelier geplante und realisierte „Futurium – Haus der Zukunft“ in Berlin. Eindrucksvoll beschrieb Musikowski die Prozesse, mit denen  sie sich bei der digitalen Gebäude-, Raum-, Tragwerks- und Lichtplanung auseinandersetzen mussten: Mit seiner Frage „Wie sieht digitale Denkmalpflege aus?“, verdeutlichte er aber auch, dass solche Gebäude ganz neue Zukunftsaufgaben und Herausforderungen mit sich bringen: „Wir brauchen Hausmeister der Zukunft.“

Spiel mit der Zeit

Das Regionale, Unaufgeregte ist es, was den jungen Münchner Architekten Max Otto Zitzelsberger interessiert – eine Architektur, die Bestandteil unserer Alltagskultur ist, sich gleichzeitig aber auch abhebt. Auch wenn er mittlerweile den Gedanken, „Alltagsarchitektur“ zu realisieren, wieder verworfen habe, mache er doch mit seinen kleinen, aber auch feinen Projekten, wie einer Bushaltestelle, einem kleinen Turm aus der Biedermeierzeit oder einem alten Heustadel deutlich, dass in seinen Entwürfen eine gewisse Unentschiedenheit zwischen „Konvention und Vision“ steckt: „Zu schonen und bewahren, um daraus Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen, kann durchaus fortschrittlich sein. Technischer Fortschritt ist nicht die Lösung all unserer Probleme“, so Zitzelsberger, der etwa mit seiner Bushaltestelle einen Gegenentwurf zur „großen gestalterischen Leere unserer Städte“, setzen will, wie er es bezeichnet.

Architektur muss Geschichten erzählen

Wolfram Putz, GRAFT-Gründungspartner, behandelte unter dem Titel „Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft“ (Jean Paul Satre) die neuen Anforderungen an unsere Städte und wie diese unsere Wahrnehmung urbaner Phänomene beeinflussen werden. Souverän erzählte er die „GRAFT-Home-Story“ und machte deutlich, wie in dem mittlerweile international tätigen Büro mit Niederlassungen in Los Angeles, Berlin und Peking gedacht wird. „Den Blick zu weiten und unterschiedliche Kulturen in den Blick zu nehmen ist für alle wichtig – für uns als Architekten besonders“, so Wolfram Putz, der dazu entsprechend kulturell differenzierte Projekte des Büros parat hatte. „Wir versuchen in unseren Entwürfen persönliche Geschichten umzusetzen, denen oft lange Gespräche mit Bauherren bzw. Nutzern vorausgehen.“ Zukunft ohne Herkunft gibt es für Wolfram Putz in der Architektur nicht: „In einer Stadt wie Berlin sind wir in der Lage, nicht auf der einen oder anderen Seite stehen zu müssen.“ Neugierde, Verwirrung und Mut sind für das Büro GRAFT die drei Schritte, an neue innovative Projekte heranzugehen.

Resümee der abschließenden Podiumsrunde: Die Vielfalt der Architektur ist demokratisch. Architekten schreiben das erste Kapitel, Bauherren und Nutzer schreiben die Geschichte weiter!

Ausblick mit Rückblick

Bereits das 13. Brillux Architektenforum, das 2012 ebenfalls in Berlin stattfand, befasste sich mit Zukunftsfragen. Baulich standen bei den Touren, damals wie heute aktuell, die Museumsinsel, das Regierungsviertel, der Leipziger Platz und das Thema Wohnbau im Fokus. So konnte man beim diesjährigen Architektenforum sehen, was in den letzten sieben Jahren hier weiterentwickelt wurde: Auf der Museumsinsel ist inzwischen die James-Simon-Galerie von David Chipperfield fertiggestellt, am Leipziger Platz hat die Mall of Berlin eröffnet und das letzte „Filetgrundstück“ wurde mit Büros bebaut. Die Stadt Berlin laboriert an vielen Problemen, und das Thema Wohnen bewegt nach wie vor die Gemüter, wie bei den Wohnprojekten in Kreuzberg und dem neuen, durchmischten Quartier Europacity zu sehen ist. Beim Rundgang durchs Regierungsviertel zeigte sich, dass der Spreebogen doch ein eigenes, zeitgemäßes Gesicht bekommen hat und heute als Regierungsviertel deutlich wahrgenommen wird. Auch das Parlaments- und Regierungsviertel am Spreebogen wächst weiter. Mit dem Futurium hat es ein einzigartiges Gebäude bekommen, in dem Zukunft neu gedacht wird. Mit seinen lebendigen Szenarien unter dem schwebenden Dach könnte es schon in naher Zukunft zu einer neuen Attraktion für das Viertel gegenüber von Kanzleramt und Bundestag werden und als offenes Veranstaltungsforum und Ort des Dialogs Belebung und Lust auf Zukunft bringen.

Pressemitteilung: Brillux GmbH & Co. KG